Kommentar

20.09.2000
Vielen Dank und alles Gute, Christoph!!
Es war einmal ein kleines sorgenvolles Königreich, in welchem 4 Monde vor der totalen Sonnenfinsternis der alte König gestürzt wurde und sich ab sofort der ewig treue Kronprinz um das schwere Erbe des vor sich hinsiechenden Reiches kümmern sollte. Es gelang nicht - die Sonnenfinsternis überfiel das einstmals glückliche Land und sollte über 3 lange Jahre andauern. Die Menschen litten schwer darunter, glaubten aber fest an ihren neuen Fürst und an bessere Zeiten. Am Ende des dritten Jahres wurden sie für ihren Glauben reichlich belohnt. Nach grossen Kampf der treuen und verschworenen Zwergengarde des Kronprinzen gegen einen wegelagernden nordischen Riesen wurde der Fluch der Sonnenfinsternis gebannt und die strahlende weite Welt öffnete wieder ihre Pforten für das kleine lebenslustige Völkchen.
Das Leben sprudelte wieder fröhlich dahin und die Zwergengarde beschützte die heimische Festung. Bei Ritterspielen wurden die Zwerge namhafter Nachbarvölker unter großen Jubel geschlagen nach Hause geschickt. Doch wieder zeigten sich Wolken am Horizont. Die treue Garde wurde älter und langsamer, die Tricks waren bekannt, neue Zwerge mussten angelernt werden. Der König verzweifelte mehr und mehr, weil die alte Zwergenschule nicht mehr weiterhalf. Es kam, wie es kommen musste - die alte Garde konnte ihren Herrscher nicht mehr verteidigen.
Schutz- und ratlos stellte dieser sich vor das Volk und legte seine goldene Krone nieder. In diesem Moment der Stille klopfte der Marschall ungeduldig mit seinem Stab und rief: Der König ist tot - es lebe der neue König ! Ein altgedienter Samurai betrat den Palast und bekam vor dem verzweifelten Volk den Auftrag, eine weitere Sonnenfinsternis in dem kleinen sorgenvollen Königreich zu verhindern...

Ein Märchen aus einer heilen Welt, in der das Gute am Ende immer siegt? Aber nicht doch, setzen wir ruhig die Namen Christoph Franke und Chemnitzer FC einmal ein. Nehmen die Worte Fussball, Erfolg und Kommerz mit hinzu. Und hoffen einfach, das das Gute am Ende trotzdem siegen wird...

Christophs Amtsantritt zum 15.5.1996 war eine gewaltige Bürde. Cheftrainer Häfner hatte eine stark abstiegsgefährdete Mannschaft zurückgelassen, in der jeglicher Teamgeist verloren gegangen war und Grüppchenbildung gepaart mit kollektiver Zerstrittenheit regierte. Das Chemnitzer Urgestein (seit 1969 im Verein) versuchte das Unmögliche. Der Heimsieg am letzten Spieltag mit einem 2:1 gegen Lübeck hätte gereicht, wenn Mainz oder Hertha verloren hätten. Es sollte nicht sein - punktgleich mit Hertha BSC stieg der CFC aufgrund des schlechteren Torverhältnisses in die Regionalliga Nordost ab. Nahezu die komplette erste Mannschaft kehrte dem Verein und dem Trainer den Rücken.

Ein Neuanfang musste gemacht werden, und Christoph packte an. Mit den treugebliebenen Routiniers, welche ihm schon durch seine Jugendtrainerarbeit bekannt waren (Bittermann, Laudeley, Wienhold, Köhler) und neuen kreativen Nachwuchsleuten (Ballack, Hertzsch, Tetzner) wurde im ersten Regionalligajahr ein guter vierter Platz belegt. Alle anderen Erwartungen wären vermessen gewesen. Christoph verstand es, aus dem Häufchen Aufrechter ein Team zu formen, welches durchaus im Spitzenfeld der Regionalliga mitspielen konnte. Zeugnis dafür war auch der Gewinn des Sachsenpokales gegen den Dresdner SC, mit welchem der Verein durch die Teilnahme am DFB-Pokal auch überregional Erwähnung fand.
Nach der Saison der Sanierung 97/98, wo Franke nur 16 Lizenzspieler zur Verfügung standen, kam der CFC am Ende auf den achten Platz. Manche mühevolle Spiele waren aufgrund des kleinen Kaders zu verbuchen. Versöhnt wurde die Saison durch den wiederholten Gewinn des Sachsenpokales, den es diesmal durch den Sieg gegen den Auer Erzrivalen besonders zu feiern galt. Mit den TV-Bildern dieser Erfolge und den zurückliegenden 2 Regionalligajahren lernten die Fans aber auch die stets zurückhaltende, ja, reservierte Art von Christoph Franke kennen. Seine ruhige Art, auch und vor allem am Spielfeldrand, stand im Gegensatz zu anderen Vertretern seiner Zunft.

Vor der Saison 98/99 konnte Christoph Franke in Zusammenarbeit mit Menz sein Näschen für gute Spieler erstmalig so richtig beweisen. Der CFC holte Mehlhorn zurück, Ananiew, Jendrossek, Kujat und König kamen neu hinzu. Echte Glücksgriffe und Garanten der so erfolgreichen Saison. Der CFC war kein Staffelfavorit, aber man merkte schnell, das die Konkurrenz aus Dresden und Leipzig schwächelte. Aber das Team tat sich schwer, Heimsiege gestalteten sich zur Qual für Fan und Spieler. Erste kritische Stimmen wurden laut, Franke sah sich als Tabellensechster aber durchaus noch im Soll. Seine stoische Ruhe an der Seitenlinie, auch wenn der CFC mehr Krampf als Kampf präsentierte, kam beim Heimpublikum schlecht an. Meinungen von "Truppe nicht im Griff" kamen auf. Das Heimspiel gegen Magdeburg wurde hinter den Kulissen als Scharfrichter angesehen. Durch ein spätes 1:0 von Jörg Schmidt blieb Franke Trainer der Himmelblauen. Gott sei Dank - denn die Manschaft bekam in der Rückrunde einen unglaublichen Lauf mit 1126 Minuten ohne Gegentor. Christoph hatte ein Team geformt, welches an sich selbst glaubte und wo jeder für den anderen mitkämpfte. Es machte Spass, den Jungs zuzusehen. Der Begriff der durch Bodenständigkeit in Spieler und Trainer erfolgreichen Mannschaft ging um.

Dann die genialen Aufstiegsspiele gegen Osnabrück mit dem Wiederaufstieg. Franke sagte später, das er unbedingt die Serie des ewigen Versagens des Vereins in wichtigen Situationen (FDGB-Pokal, Juventus-Rückspiel, Buli-Quali) endlich durchbrechen wollte. Man schaffte es, auch dank Frankes glücklichen Händchens bei der Einwechslung des Torschützen Ronny Kujat. Endlose Freude, der Chemnitzer FC war im bezahlten Fussball zurück, der Betriebsunfall von vor 3 Jahren war endlich repariert.

Christoph Franke hat sich mit dem Wiederaufstieg in die zweite Bundesliga sein eigenes, bei den Fans unvergessenes Denkmal gesetzt. Eine absolute Sternstunde der Himmelblauen, gemessen an den heutigen Möglichkeiten auf eine Stufe zu stellen mit den Erfolgen der 67'er Meisterschaft und den unvergessenen 89'er EC-Auftritt des damaligen FC Karl-Marx-Stadt.

Nach dem Aufstieg zierte sich der CFC um einen 2-Jahresvertrag bei Franke, letztlich kam er zustande. Wahrscheinlich überlegte man auch hier hinter den Kulissen, ob der ehrliche und biedere Arbeiter Christoph Franke im kleinen Haifischbecken zweite Bundesliga der richtige Trainer wäre. Wiederum bewies er seinen Riecher bei der Verpflichtung von Oswald, Dittgen, Skela und Krupnikovic. Es stand die schwere Aufgabe an, aus einer sehr guten Regionalligamannschaft ein Team für den Klassenerhalt im Profifussball zu formen. Unpopuläre Entscheidungen, wie die Herausnahme von Kunze, Kujat, König und den Schmidt's aus der Stammelf taten weh und sorgten spätestens nach dem Verleih an den VFC Plauen auch für Unmut unter den Fans.
Zunächst konnte der Schwung des Aufstieges mit in die 2.Liga genommen werden, das 2:0 zum Auftakt über die Legende Borussia Mönchengladbach machte Appetit auf mehr und wurde gross gefeiert. Danach ein herbes 0:4 in Mannheim - der CFC war in der Realität angekommen. Überzeugenden Heimleistungen standen ängstliche und zumeist glückliche Punktgewinne auswärts gegenüber. Franke konnte der Mannschaft in fremden Gefilden einfach kein Selbstvertrauen einflössen. Die kämpferisch und taktisch starken Heimleistungen reichten aber immerhin zu einem hervorragenden Platz 6 in der Hinrundentabelle. Frankes unantastbare Führungsspieler auf dem Platz waren die Chemnitzer Routiniers Laudeley, Bittermann, Mehlhorn, Köhler. Da durfte auch Torsten Bittermann nach Auswärtsspielen schon mal anderen Spielern die Kampfbereitschaft absprechen, obwohl er selber auch nicht gerade glänzte. Die Rückrunde geriet allerdings zum Offenbarungseid der Himmelblauen. Der sechste Platz kaschierte das wahre Leistungsvermögen zwar, aber der Leistungsverfall war einfach zu krass. Nur drei Heimsiege, zwei davon glücklich, brachten den CFC in nie mehr geglaubte Abstiegsnöte. Die ganze Mannschaft wirkte unsicher, agierte auf dem Platz zwar leidlich bemüht, aber ohne echtes Durchsetzungsvermögen und überwiegend einfallslos. Aber auch Franke gab durch seine grundehrliche Art dem gefallenen Leistungsvermögen Alibis, indem er immer wieder vom nicht vorhandenen spielerischen Potential des CFC sprach, Zitat:

Leipziger Volkszeitung vom 17.5.2000:
LVZ: ''Das klingt fast so, als würde die Substanz für die Zweite Liga fehlen."
Franke: "Bis auf drei, vier Spieler ist das auch so. Noch einmal werden wir mit dieser Mannschaft den Klassenerhalt nicht schaffen. Wir brauchen mindestens drei richtig gute Neuzugänge, echte Verstärkungen für alle Mannschaftsteile. Nur beim Torwart sind wir mit Antonio Ananiev bestens besetzt."

Fussball ist neben dem Können aber auch eine Frage des Kopfes - wenn aber schon der Trainer nicht an das Team glaubte, wer sollte dann den Jungs Selbstvertrauen einflössen ?! Auch Franke's TV-Auftritte bestätigten jederzeit die (zu) ruhige und abwartende Art des Trainers. Als Fan hatte man nie das Gefühl, das er bei miserablen Leistungen auch einmal mit der Faust auf den Tisch hauen könnte. Dazu kam das Festhalten an seinen Führungsspielern, welche keine Vorbildwirkung erzielten, aber trotzdem aufliefen. Auch Auswechslungen von Aktivposten des Spieles (z.B. Krupnikovic) aus taktischen oder sonstigen Gründen liesen die 8000 Hobbytrainer auf der Fischerwiese öfters mit dem Kopf schütteln. Mit glücklichen Auswärtspunkten und einer beherzten letzten Partie gegen TeBe wurde die Klasse gehalten, aber Fragen blieben. Ein mittelmässiger Trainer hatte mit einer mittelmässigen Mannschaft die Klasse gehalten - trotzdem sollte auch hier ein grosses 'DANKE' stehen, denn der Klassenerhalt mit dem kleinsten Etat der Liga war wiederum ein kleines himmelblaues Wunder.

Die neue Saison begann mit einer miserablen Vorbereitung - das Theater um Dittgen, den Präsidentenstuhl und die zu spät einsetzende Aktivität auf dem Transfermarkt zeigten Wirkung. Quantität statt Qualität. Wenig überzeugende Vorbereitungsspiele, u.a. Niederlagen gegen Rot-Weiss Erfurt und Stahl Riesa. Experimente im Liberobereich, einmal mit Dreierkette, dann wieder mit wechselnden Liberos Laudeley/Podunavac/Holetschek. Unter Beibehaltung des kämpferisches Elementes sollte die Spielkultur erhöht werden. Es gelang nicht.
Der Auftaktpleite beim 1:4 in Fürth folgte die Heimniederlage gegen Hannover 96 mit einem erschreckend einfallslosen und vor allem auch kämpferisch schwachen CFC. Es folgte die bittere Pokalniederlage beim Drittligisten KSC, welcher einfach nur durch größeres Engagement die Himmelblauen in der ersten Halbzeit nahezu an die Wand spielte. Dann die 1:3-Heimniederlage gegen den Aufsteiger Saarbrücken. Der CFC war in einer ganz schweren Krise. Selbst bei erkennbaren kämpferischen Steigerungen waren nur 11 Spieler, aber keine Mannschaft auf dem Platz. Fussballkost eines Absteigers.
Der diesjährige Start war das komplette Ebenbild der verkorksten Rückrunde. Ein ruhiger Trainer am Spielfeldrand mit harmlosen Statements nach dem Spiel. Vereinzelte Rufe "Franke raus!" - ja, vereinzelt, keiner wollte die Frage beantworten - ja, wenn schon - welcher Trainer denn überhaupt in den Osten kommen würde und wie gross die Klassenerhaltssubstanz der Truppe wirklich ist. Klar war auch, das auch die Mannschaft selbst eine große Aktie an den miserablen Auftritten hatte. Irgendetwas musste anders werden, aber das Wie und Wer konnte keiner beantworten. Vielleicht noch 2 Spiele auf Besserung hoffen !? Der Vorstand stellte sich in dicken Buchstaben hinter Franke. Makaber, denn am Tag nach der Saarbrückenpleite war die Trainer-Ära Franke beendet.
Der ehrliche, unermüdliche und treue Himmelblaue gestand sich selber sein Scheitern als Cheftrainer der ersten Mannschaft ein. Franke trat freiwillig von seinem Posten zurück. Oder doch nicht ?! Zweifel sind zumindest angebracht, denn unmittelbar nach seinem Rücktritt präsentierte Manager Menz schon den neuen Mann: Josip Kuze, ein alter Bekannter aus seinen Erfurter Zeiten. Kai-aus-der-Kiste beim Chemnitzer FC. Aber egal, vielleicht hat man mit diesem Schritt die Demontage eines Mannes verhindert, dem der Verein, die Stadt und die Region sehr viel zu verdanken hat. Und dem neuen Trainer, ohne jedes Vorurteil, einfach nur: Viel Erfolg mit unserem Chemnitzer FC !!
In welche Richtung auch immer spekuliert wird, sei es nun ein echter Rücktritt oder eine Palastrevolte, Christoph Franke ist für seine vierjährige Arbeit als Cheftrainer des CFC ein ganz aufrichtiges und großes 'Dankeschön' zu sagen, den Fans wird er auf immer und ewig als Macher des 99'er Aufstiegs in Erinnerung bleiben. Die Erinnerung an ihn wird immer positiv ausfallen, die Schattenseiten werden verblassen - ein Denkmal in Himmelblau wie seinerzeit Hans Meyer...

...und somit kümmerte sich der alte König fortan wieder um die ganz kleinen Zwerge, damit diese auf ihrem Weg ins Leben gross und kräftig werden und später einmal in der verschworenen Gemeinschaft der Königsgarde einen ehrenvollen und umjubelten Platz einnehmen können. Und wenn er nicht gestorben ist, dann widmet er sich noch heute mit ganzen Herzen den Kleinen, denn auch in Zukunft soll die Sonne im kleinen Königreich mit dem himmelblauen Horizont immer strahlend scheinen...

Man sieht sich im Stadion.

Euer Frank Neubert (O.C.)

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