Kommentar

21.07.2006
Auf der Suche nach der Talsohle
Wann kommt sie endlich die berühmte Talsohle, die es zu durchschreiten gilt und nach der es wieder aufwärts gehen muss, da ja nun mal eine Talsohle den Tiefpunkt einer Entwicklung ausmacht? Seit 2001 als man sich als schlechteste Zweitligamannschaft aller Zeiten aus eben jener Liga verabschiedete, befindet sich der Chemnitzer Fussballclub auf rasanter Talfahrt, immer wieder durchgeschüttelt von heftigen Krisen, die drohten das himmelblaue Mobil gänzlich aus der Bahn zu werfen. In dieser Zeit drohte nicht nur einmal der Pleitegeier, das Abstiegsgespenst hatte auf der CFC-Tribüne eine Dauerkarte und im Wettskandal tauchte der Name unseres Vereins öfter auf, als uns allen lieb war.

Allen Unkenrufen zum trotz schien man aber vor der Saison 2005/06 endlich wieder auf dem richtigen Gleis zu sein. Der Umbruch in der Mannschaft wurde in geradezu atemberaubender Geschwindigkeit vollzogen und Alibifussballern wie Sebastian Meyer oder Fabio Pinto richtigerweise der Laufpass gegeben. Die Neuzugänge waren durchaus namhaft und erstaunt nahm man zur Kenntnis, dass der CFC sogar in der Lage war von einem Verein wie Düsseldorf den Publikumsliebling loszueisen. "Klasse statt Masse" war die durchaus plausible Losung die die sportliche Führung um den erfahrenen Demuth, Co. Bittermann und Vorstand Hähnel ausgab und auch der skeptischste Himmelblaue war angesichts dieser Voraussetzungen guten Mutes mal ein Jahr ohne Existenzkampf zu erleben.

Doch bekanntlich entwickelte sich alles anders. Dem umjubelten Auftaktsieg in Leverkusen folgten vier Pleiten am Stück, die den Club in den Keller der Regionalliga abstürzen liessen. Hinzu kam ein geradezu unglaubliches Verletzungspech: mit Tomoski, Devoli, Adamu, Rolleder, Lenk, Ahlf und Okeke fehlten zeitweise 2/3 der potentiellen Startelf. Besonders schwer wug der Ausfall von Borislav Tomoski, welchem die Rolle als Denker und Lenker des himmelblauen Spiels zugedacht war. Okeke, der diese Rolle von seinen Fähigkeiten her ebenfalls hätte ausfüllen können, konnte oder wollte dies nicht und durfte den Verein unter nicht ganz geklärten Umständen verlassen. Mit dem hektisch als Ersatz verpflichteten Jiri Homola griff man allerdings richtig in die Minustüte, denn der Tscheche entpuppte sich als Flop erster Güte. Nichtsdestotrotz hätte man durchaus mehr als die 14 Punkte erreichen können, die man zur Winterpause auf dem Konto hatte. Denn die Notelf aus Reserve- und Nachwuchsspielern, die Demuth in der Regel auf den Platz schicken musste, verkaufte sich hin- und wieder ganz ordentlich. So führte man beispielsweise lange Zeit bei den Spitzenmannschaften aus Lübeck und Kiel, bevor man in den Schlussminuten durch individuelle Fehler alles verspielte. Gegen Osnabrück, Emden und Bremen fuhr man Siege ein und verlor eher unglücklich in Erfurt. Doch als sich die Hinrunde dem Ende zuneigte, ging nicht mehr viel bei der Truppe von Dietmar Demuth. Düsseldorf versuchte man zu überrennen und wurde dafür gnadenlos mit 0:4 abgeschossen. Gegen Wuppertal probierte man es deshalb defensiv um am Ende doch alle drei Punkte wegen einer einzigen Unaufmerksamkeit abzuschenken. Die letzten Minuten gegen Leverkusen, als man ein 1:3 noch aufholte, waren der letzte Hoffnungsfunke, der nach einer desolaten Leistung in Berlin gnadenlos ausgetreten wurde. Was folgte waren Kontroversen um Demuth, dessen Vertrag im Sommer noch verlängert worden war. Demuth verteidigte sich mit dem Hinweis auf die vielen Verletzten, doch es nützte nichts. Der Druck der Öffentlichkeit war angesichts der katastrophalen Bilanz zu groß und so durfte der Hamburger kurz vor Weihnachten seine Koffer packen.

Was folgte war die Inthronisierung von Joachim Müller, genialer Mittelfeldstratege der 70er Jahre beim FCK. Bereits 2001 hatte er mit dem Club den Klassenerhalt geschafft, bevor er unter nie ganz aufgeklärten Umständen sein Amt abgeben mußte. Würde es auch diesmal wieder klappen? Trotz der schlechten Hinrunde war das rettende Ufer bei drei Punkten Abstand schliesslich noch in Sichtweite. Vage Hoffnung aber auch Skepsis schlug Müller entgegen, schliesslich war auch seine erste Amtszeit mit einigen Misstönen versehen. Am Ende sollten bekanntermaßen die Skeptiker recht behalten.

Widrige Umstände in Form von Väterchen Frost begleiteten die Saisonvorbereitung. Die Fischerwiese glich zeitweise einem Eisstadion. So war man immer auf der Suche nach einem geeigneten Kunstrasenplatz um trainieren oder Testspiele absolvieren zu können. Doch es gab auch Lichtblicke. Die Langzeitverletzten wie Devoli, Berger, Tomoski oder Lenk trainierten wieder mit und kurzfristig wurde ein Trainingslager in der Türkei organisiert. Müller sprach kämpferisch vom Ziel Klassenerhalt und dass er nicht der Trainer sein wollte, mit dem der CFC erstmalig in die Viertklassigkeit absteigt. Soweit die guten Vorsätze. Die Realität sah anders aus. Schon in der Winterpause wurden Entscheidungen von Müller getroffen, die man als Fan nur schwer verstand. Konnte man die Übertragung des Kapitänsamt von Torwart Süßner an Görke noch nachvollziehen, so wunderte man sich schon etwas, dass ausgerechnet Steve Rolleder zum Stellvertreter ernannt wurde. Unverständlich zudem die von Müller anvisierten Aussortierungen von Markus Ahlf und Steffen Süssner, die am Ende aber doch wieder Anfangself stehen sollten.

Der Rückrundenstart ging mit Niederlagen in Jena und Essen fast schon erwartungsgemäß daneben. Doch beide Mannschaften waren Top-Teams (und später auch Aufsteiger) so dass man die Niederlagen verkraften konnte. Spass hatten wie immer die anderen und dank Steffen Süssner, der sich im Spiel gegen Essen von Younga-Mouhani mal richtig verarschen liess, ganz Fussballdeutschland inkl. der TV-Total Zuschauer. Da die Heimspiele gegen Münster und Kiel aufgrund der Wettersituation verschoben wurde (obwohl fleissige Clubfans mehrfach versuchten die Fiwi bespielbar zu machen), sollte am 25. März gegen die Zweite vom 1. FC Köln, die lang erhoffte Wende gelingen. Die Situation schien günstig, Köln war Letzter und der CFC konnte endlich wieder auf seinen Spielmacher Tomoski zurückgreifen. Die Südkurve präsentierte vor Spielbeginn eine gigantische Choreo anlässlich des 40. Geburtstages der Himmelblauen. Alles war angerichtet um den (Geiss-)Bock umzustoßen.
Es gehört zur Ironie der Geschichte, dass eben der stark spielende Tomoski beim Stande von 0:0 die größte Torchance für den CFC hatte und diese aber vergab. Dafür konterten die Kölner den CFC dreimal aus, dreimal schlug der Ball hinter Süßner ein. Der CFC war am Boden zerstört und am Ende der Tabelle angekommen, welches er nicht mehr verlassen sollte. Als Realist war einem jetzt im Grunde klar, dass man die Saison hiermit in den Skat drücken konnte und wir nächstes Jahr nach Meuselwitz und Halberstadt schippern dürfen. Sowas durfte der Trainer natürlich nicht sagen und so verbreitete er von Spiel zu Spiel Zweckoptimismus, erzählte was von Strohhalm und dass man den Club nicht mehr auf der Rechnung hat und genau darin eine Chance besteht. In den folgenden Spielen in Osnabrück und Pauli wurde sich achtbar aus der Affäre gezogen, man hielt gut mit aber am Ende hatte der Gegner doch ein Tor mehr geschossen als unsere Jungs. Richtig verarscht vorgekommen müssen sich die HSV-Bubis am 31. Spieltag als sie nach 90 Minuten bei der Heimmannschaft eine 3 und bei Gast eine "0" auf der Anzeigetafel sahen. Gegen den Angstgegner des CFC (bis dato in 7 Spielen 5 Niederlagen und kein Sieg) spielte der Club plötzlich auf und gewann souverän und verdient. Es sollte der einzige Punktspielsieg in der Ära Müller bleiben. Auf Platz 11 holte man eine Woche später noch einen Punkt und dann war Schluss mit Punktesammeln. In den letzten 7 Spielen gefiel man sich in der Rolle des Punktelieferanten, so wurde Erfurt der erste Auswärtssieg geschenkt, in Emden bezog man beim 0:5 richtig Dresche und in dem Stil ging es weiter - Wattenscheid, Lübeck, Düsseldorf, Oberhausen und schliesslich Wuppertal - Sieger waren immer die anderen.
Wenigstens im Sachsenpokal schaffte man es mit Glück, Geschick und einem überragenden Steffen Süßner ins Finale und im letzten Spiel der Saison konnte man mit einer stark umgekrempelten und verjüngten Mannschaft endlich mal überzeugen und gewann mit 1:0 beim VFC Plauen den Pokal. Über 1000 himmelblaue Fans jubelten geradezu enthusiastisch. Endlich war man mal nicht der Looser.

So wurde die Saison am Ende (trotz des Sieges im Sachsenpokal) eine einzige Katastrophe, der Club zur Lachnummer und am Ende gar zum gern gesehenen Prügelknaben. Bitter! Und so zurückschauend wünschte man sich doch zu wissen, wie die Saison wohl verlaufen wäre, ohne die vielen Verletzten, mit einem gesunden Spielgestalter Tomoski, einem integrierten Okeke und einen erfolgreichen Heimauftakt gegen Hertha wo man zur Halbzeit schon 1:0 führte. Dazu einen Frank Mayer der sich nicht auf seinen ersten Torerfolgen ausgeruht hätte und einer echten Hierarchie in einer Truppe mit Zusammenhalt. Vielleicht hätte man die Talsohle dann bereits durchschritten.

So aber heisst die Zukunft Oberliga, Staffel Süd, statt Millerntor erleben wir nächste Saison die "bluechip-Arena" der Metropole Meuselwitz. Und Achim Müller, der bei anderen Vereinen mit seiner geradezu erschreckenden Bilanz von 5 aus 45 möglichen Punkten wohl schon hätte gehen dürfen, darf weitermachen. Die von vielen erhoffte Aufbruchsstimmung ist genaus ausgeblieben wie die von Vorstand Hänel angekündigte Aufarbeitung der Gründe für die Talfahrt im Verein. Ein Großteil der Spieler verläßt den Verein, doch Neuzugänge gibt es bislang (so gut wie) keine. So setzt man beim CFC notgedrungen fast ausschließlich auf die eigene Jugend. Doch auch dabei musste man eine derbe Schlappe einstecken. Marcus Jazwinski, hoffnungsvolles Talent im offensiven Mittelfeld und bereits mit Regionalligaerfahrung, "flüchtete" trotz bestehenden Vertrages nach Zwickau, weil man in der himmelblauen Führungsetage versäumt hatte den Vertrag, den Regularien entsprechend, beim DFB anzuzeigen. Besonders bitter kam dabei die Aussage des Nachwuchsspielers, der als Grund seines Wechsel zum Oberliga-Aufsteiger die (vermeintlich) bessere Perspektive angab. Auch finanziell sieht es beim Club bedrohlich aus. Das Defizit aus der vergangenen Saison beträgt 300.000 Euro und auch im Etat für die kommende Saison klafft zum jetzigen Zeitpunkt eine Deckungslücke von 400.000 Euro. Die Pressekonferenz von Reißmann und Langer war dahingehend mehr als nur ein Hilfeschrei. Der CFC braucht jetzt jede Unterstützung um weiter existieren zu können.

Doch in jeder Krise steckt auch eine Chance. Und es gibt auch Zeichen, die dem leidgeplagten CFC-Fan Hoffnung machen. Da ist zu allererst die junge Mannschaft, die fast vollständig aus dem eigenen Nachwuchs gebildet wurde. Ein Konzept, welches aus der Not geboren wurde, aber was durchau aufgehen kann. Die Jungs sind hervorragend ausgebildet, sie sind motiviert und haben den Willen sich in der ersten Mannschaft und in der Oberliga durchsetzen. Außerdem kennen sich die meisten Spieler bereits aus den Nachwuchsmannschaften, die schwierige Integrationsphase entfällt somit, eine negative Grüppchenbildung ist eher unwahrscheinlich. Außerdem sollten gerade die Jungs, die letzte Saison noch A-Jugend gespielt haben, eine gewisse Siegermentalität mitbringen, schliesslich haben sie sich gegen starke Konkurrenz im Buli-Aufstiegskampf durchgesetzt. Dazu ein Trainer Achim Müller, den man nachsagt, dass er mit jüngeren Spielern besser kann, als mit erfahrenen Profis. Vielleicht ist er für die junge Truppe ja genau der richtige Mann. Apropos Müller - viel Kritik hat der 54jährige in der abgelaufenen Saison einstecken müssen. Vieles davon war sicherlich berechtigt, schliesslich hatte er am Ende den sang- und klanglosen Abstieg sportlich zu verantworten und Müllers Außendarstellung war in manchen Situationen unglücklich - um es vorsichtig auszudrücken. Doch andererseits ist Müller ein Mann, der am Verein hängt wie sonst nur wenige. Dass er trotz der vielen Schmähungen, die auf ihn im letzten halben Jahr einprasselten weitermacht, dass er dabei sogar ein halbes Jahr zum Wohle des Vereins auf Gehalt verzichtete, verdient allerhöchsten Respekt. Man kann nur hoffen dass ihm nun mit seiner jungen Truppe das Glück hold sein wird. Doch auch in der Führung des Vereins stehen die Zeichen auf Veränderung. Sowohl Kapp, Chef des Vorstandes als auch Reißmann, Chef des Aufsichtsrates haben bereits ihren Rücktritt angekündigt. Und das ist gut so, denn auch wenn man den Personen in den Führungsgremien nur die besten Absichten unterstellen mag - am Ende zählt nur das Ergebnis. Und das heißt vier Jahre schleichender Niedergang mit dem Supergau Viertklassigkeit. Man kann sich nur wünschen, dass der Ehrenrat es schafft, Leute mit Engagement zu finden, die gemeinsam ein Konzept erarbeiten, wie man den Chemnitzer Fußballclub wieder in erfolgreichere Zeiten führen kann.
Erste, positive Signale in diese Richtung gibt es bereits...

Nun liegt es an Mannschaft und Trainer den Hoffnungsfunken weiter anzufachen, der bereits durch gute Testspielauftritte genährt wurde. Mit leidenschaftlichem und erfolgreichen Fußball in den Punktspielen können sie die Fans aber auch Sponsoren zurückgewinnen. Dabei werden der jungen Truppe auch Fehler verziehen, wenn die Einstellung stimmt. Auch der sofortige Wiederaufstieg ist keine Pflicht - Favoriten der Staffel sind andere. Aber wenn die Mannschaft zusammenwächst, an Erfahrung gewinnt, mit Herz und Leidenschaft spielt, sich zudem entscheidende Veränderungen im Verein vollziehen, vielleicht ist es dann gar nicht mehr so weit bis zu dem Tag an dem die Talsohle endlich durchschritten wird und es für unseren geliebten Chemnitzer Fußballclub wieder aufwärts geht...

Euer Pierre Schönfeld (Charlie S.)

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