Kommentar

28.09.2001
Die Nr. 1 in Sachsen kommt wieder…
…aus Chemnitz, nachdem man sich dieses Etikett schon in Hinterlößnitz mit einem Strahlen an die Brust geheftet hatte. Ob wir uns aber groß was drauf einbilden können sei mal dahingestellt.

Schaut man sich den momentanen Gesamtzustand des einstmals führenden sächsischen Fußballs an, dann sind wir wohl eher der "Einäugige unter den Blinden". Schleichender Abstieg oder bestenfalls Stagnation sportlich wie wirtschaftlich bei den einstigen Aushängeschildern in Dresden und Leipzig. Vorbeigezogen sind die "Preußen" aus Cottbus, Berlin-Ost und Babelsberg, alles Vereine, die unter wesentlich schlechteren Vorraussetzungen in die "Fußball-Einheit" gestartet waren und mittlerweile trotz zwischenzeitlicher Turbulenzen Sachsen als DAS "Fußball-Bundesland im Osten" abgelöst haben. Vereine wo abgesehen von Union auch das Potential an Sponsoren, Fans und Sympathien keineswegs größer ist als in Leipzig oder Dresden. Aber man hat es dennoch geschafft, ist seinen Weg trotz aller Probleme konsequent gegangen und hatte sicherlich auch das Glück zum richtigen Zeitpunkt, egal wie lange der momentane Erfolg auch anhalten wird. Man hat ihn wenigstens.

Tristesse und Frust dagegen im "wilden Süden". 1996 konnte ich mir noch ein propperes Wochenend-Programm an Stadionbesuchen zusammenstellen. Freitag Dresden 1. Bundesliga besichtigen, Samstag wurde der CFC heim - oder auswärts beschaut und entsprechend supportet, Sonntag folgte ein beschaulicher Abschluss mit einem Besuch im Leipziger Südosten oder in der "Trabantenstadt". Man war ausgefüllt. Heute locken die "Lokisten" ebenso wenig wie die "Zettis" oder die "Schwarz-Gelben Dynamiker" jemanden hinter dem berühmten Ofen hervor, außer den harten Kern der eigenen Fans. 1997 noch bevölkerten fast 12.000 Fans die Zwickauer Halde und bejubelten einen 2 : 1 - Erfolg gegen den späteren Aufsteiger 1. FC Kaiserslautern, knapp 4 Jahre später langweilen sich ein paar Hundert gegen Vereine wie den SV Braunsbedra, ist die Leipziger "Plache-Ruine" z. T. nur noch Treffpunkt für die VfB-Fans, die man bislang noch nicht vergraulen konnte und damit meine ich nicht nur die sportlichen Leistungen. Leipzig und Dresden sind mehr denn je zur absoluten Fußball-Provinz verkommen und bieten ebenso wenig eine Perspektive für die Zukunft wie der hiesige Arbeitsmarkt. Der VfB fällt nur noch durch seinen Alleinherrscher auf dem Präsidentenstuhl auf, für den das abgewandelte Motto des französischen Sonnenkönigs gilt "Der Verein bin ich !" und der als Schatzmeister, Vizepräsident bereits 2 Abstiege (1998, 2000) zu verantworten hat. Ein Verein nur noch am Tropf der ebenfalls "maroden Sportwelt", fast schon verzweifelt sich am Stadionneubau für die WM 2006 klammernd, als wäre dieses eine Art Überlebensgarantie. Finanzspritzen zum weiteren Geld rauswerfen für unnötige Personalwechsel (Steffens - Dörner) inklusive. Fehler der Vergangenheit werden wiederholt. Im Westteil der Stadt auch nichts Erbauliches. Der FC Sachsen vor dem "x-ten Neuanfang seiner Geschichte", vom Traum "Profifußball in Leutzsch" bleibt nur noch Erinnerung, wenigstens momentan. Statt der 2. Bundesliga, an die man allen Ernstes vor der letzten Saison glaubte Absturz in eine Etage mit dem VfB. Möglicher Ausweg Fusion zum "FC Leipzig" trifft auf taube Ohren. WM 2006 mit einem funkelnagelneuen Stadion, wo man sich dann bei VfB gegen Stahl Riesa oder FC Sachsen gegen Eintracht Sondershausen antun kann, sofern es beide Vereine bis dann noch gibt.

Schwenk nach Dresden, ähnliches Dilemma, nur andere Vereine, Gesichter, Versager. Dynamo mittlerweile fast schon wieder in den Ruin gewirtschaftet durch biedere Amateure in der Chefetage seit dem Otto-Abgang 1995, Trainer kamen und gingen, Spieler wurden angeheuert und schnell wieder gefeuert. Was geblieben ist waren nur noch die Fans. Einziges Potential des einstigen DDR-Kultvereins. Nicht mal das hat der Dresdner SC in der Friedrichstadt zu bieten, auch hier grassiert nach viel Optimismus nach dem Regionalliga-Aufstieg aus den Niederungen der Bezirksklasse 1998 die sportliche und zuweilen wirtschaftliche Pest. Ausgebrochen nach dem sinn - und effektlosen Trainerwechsel von "Schulle" zu "Hansi" Kreische im Spätherbst 2000. Man sah zu, wie ein unerfahrener Coach die Mannschaft schrittweise stagnieren ließ und dann auch nach unten führte, gab mit der eigenwilligen Vertragsgestaltung den Spielern noch ein Alibi und verärgerte damit die eben erst neu gewonnene Anhängerschaft. "Uns hält keiner auf !" heißt es auf einem Transpi eines DSC-Fanclubs. Simmt, das braucht man nicht, man hält sich schon fleißig selber auf. Kein Geld für "Nachbesserungen", vor allem nicht im Trainerbereich und so darf sich mit Karsten Petersohn eine "arme Sau" rumärgern. Fusion als Ausweg ? Auch hier Fehlanzeige.

Zwickau ? Auch hier ist eher Hoffen angesagt. Hoffen darauf, dass die Halde mal wieder zu einem Ort von Spielen wird, welche die Parkplatzsituation an der Geinitzstraße verkompliziert. Parken kann man ja jetzt wohl immer direkt vor dem Eingang. Geblieben ist auch hier nur der treue Rest einer gefrusteten Anhängerschaft. Vergrault durch gravierende sportliche und wirtschaftliche Fehlentscheidungen (Schädlich-Entlassung, Trainerwechsel am laufenden Band, sich von der "Sachsenring AG" mehr oder weniger erpressbar machen, jemanden wie Fr. Neumann zur Präsidentin machen und und und). Einen Zweitligaverein, der sich vor allem durch den Zusammenhalt auf dem Rasen und außerhalb trotz bescheidener Möglichkeiten in der 2. Liga behaupten konnte zum Oberliga-Verein ohne Perspektive gemacht. Lachen konnten darüber nur noch die "Freunde in Aue". Von einem Verein, der zwar von der 2. Bundesliga weiter entfernt ist denn je, welcher sich aber oben beschriebene Peinlichkeiten ersparte und positiv durch seine durchaus solide und ehrliche Vereinspolitik auffällt.

Und in welches Raster passen wir ? Vermutlich irgendwo mittendrin. Es war nicht alles Gold, was bei uns seit 1996 geglänzt hat oder nicht mal das. Fehler wurden wie anderswo gemacht und wir könnten heute auch in einer ähnlichen Situation stehen und wären nicht die "Nr. 1 in Sachsen". Denn wir leben ja noch, jedenfalls besser als Dynamo, der VfB, der FC Sachsen, Zwickau. Es hätte auch schlimmer kommen können. 1997 waren wir schon auf dem besten Weg dorthin. Daran kann sich vermutlich jeder noch gut erinnern. Der CFC wurde zwar mehrmals klar getroffen, ging aber nicht vollends unter und kann sich diese Saison schon als "Stehaufmännchen" präsentieren. Das es so ist, dafür kann man nur ein paar Leuten "Danke !" sagen, Menschen mit himmelblauen Blut in den Adern. Leute wie Du und ich, Sponsoren, Funktionären und vor allem den Fans.

Man sieht sich im Stadion.

Euer Timo Görner (T-Mobile)

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