Kommentar

26.12.2015
Von der Notwendigkeit einer Badewanne – ein Kommentar zur himmelblauen Lage
Früher, als der Herbst und ab Dezember dann der einbrechende Winter einen bisweilen frostigen Rahmen für Fußballspiele bereithielt, stand manches Heimspiel des CFC vor – und bisweilen natürlich auch nach – dem Anpfiff auf der Kippe: weil die Ränge geräumt und enteist werden mussten. Sport eben. Dann brauchte es hin und wieder eine Badewanne daheim, um aufzutauen. Muss heute nicht mehr sein, weil die neue FiWi, deren Name zur Zeit noch vermarktet, sprich verkauft werden muss, ein schickes Dach hat und ohnehin baulich allmählich zu einem feinen Tempelchen wird, Schneeschippen also ausfällt. Selbst, falls mal Schnee fallen würde. Gibts ja auch kaum noch.

Und doch bräuchte Fußball-Chemnitz am Ende der Herbstrunde eine Badewanne, wenn möglich jene alte Schale, in der Archimedes Anlass für sein Heureka fand. Denn selten bot eine Punktspielrunde, zu deren Winterpause der Statistiker für den CFC tabellarisch und punktemäßig graues und solides Tabellenmittelmaß notierte, derart viel Anlass für Diskussionen und zunehmende Ratlosigkeit wie diese zweite Jahreshälfte 2015.

Hoch die Ansprüche, wenn auch ganz offiziell nicht vom Aufstieg gesprochen wurde. Zum Teil namhaft und ausnahmslos hochgelobt die erneut zahlreichen Neuzugänge, welche die zahlreichen, sportlich wohl meist nachvollziehbaren Abgänge ersetzen, ach was, übertrumpfen sollten. Bis auf Kunz und Dem, zwei, die man eher nebenbei zur Kenntnis nahm, war bislang keiner dabei, der die Lobpreisungen bei der Verpflichtung dauerhaft rechtfertigen konnte. Meist stand dann doch im wesentlichen der alte Kader abzüglich der abgegebenen Stammspieler auf dem Platz, aus dem man auch noch den Hoffnungsträger Scheffel vor Saisonbeginn ersatzlos in die Reha wechseln lassen musste. Eine erste Diskrepanz zwischen Ambitionen und Kader, die für erstes Stirnrunzeln sorgte. War der erneute Totalumbau nötig? Hatte man sich wirklich verbessert? Oder pokerte man doch nur sehr hoch darauf, dass alle Rädchen greifen würden? Griffen sie nicht, Trumpfass Fenin blieb bislang im Ärmel, andere Hochgelobte sind inzwischen wieder weg, ohne hier etwas fürs himmelblaue Geschichtsbuch hinterlassen zu haben.

Apropos im Ärmel bleiben. Fragen stellten sich auch angesichts der Kaderpolitik während der Herbstrunde. Auch dem interessierten Anhänger blieb verschlossen, warum einzelne Akteure wochen-, monatelang oder gar stets unbeachtet blieben, plötzlich für mehrere Spiele gänzlich auf der Tribüne verschwanden, um dann bisweilen ebenso plötzlich wieder als Stammkraft aufzulaufen. Wo war zum Beispiel Ofosu zwischendurch, wo Steinmann, wo Kaffenberger? Und wer ist eigentlich Rapp? Zumindest leise Zweifeln am Verhältnis zwischen Mannschaft und Trainer konnten angesichts dieser und anderer Personalien nicht verwundern.
Zumal die Leistungen auf dem Platz von Beginn an nicht so ausfielen, dass kein Grund für einen Wechsel vorgelegen hätte. Bisweilen erforderten die sehr zahlreichen Verletzungen (Ist das nur Pech?) Umstellungen, davon abgesehen wurde aber bestenfalls an ganz kleinen Rädchen gedreht, um die Maschine endlich in Schwung zu bekommen. Was größtenteils nicht gereicht hat. Offensiv von Saisonbeginn an zu unbeweglich, zu langsam, ideen- und überraschungsarm, zu umständlich, zu wenig gallig, zusammengefasst: harmlos. Defensiv, sicher auch verletzungsbedingt (vor allem außen), zunehmend wackliger, wobei die Attribute zeitweise unaufmerksam und bisweilen gedanklich zu langsam das Problem wohl trefflicher beschreiben. Dazu eine Spielidee, von der die einen behaupten, es gäbe sie nicht, während Wohlwollendere bemängeln, dass selbige zu selten ausreichend umgesetzt wird und Varianten, konkrete Zuschnitte auf den Gegner nicht erkennbar sind. Woran liegt das? Welchen Anteil haben Trainer und Mannschaft an diesem Zustand? Was wird getan, um dem abzuhelfen?

Ach, die Mannschaft. Könnte zur Verteidigung die Verletzungssorgen, hier und da sicher auch das Pech von einschlagenden Sonntagsschüssen und grotesk dem Gegner vor die Füße flippernde Bälle anführen. Und sie ist sicher enttäuscht und gezeichnet davon, die hohen, auch selbst gesteckten Erwartungen nicht bestätigt zu haben, wohl gehen auch die Turbulenzen im Umfeld nicht spurlos an ihr vorüber. Und doch wird man das Gefühl nicht los, man verkenne im Team seit Monaten die Lage, sprach man nach sehr überschaubaren Leistungen von "geilen Spielen" in die Kameras, wiewohl in der Presse ohnehin stets die ganz großen Parolen ausgegeben wurden. Auch will der Eindruck nicht weichend, nicht jeder gebe immer alles, scheint der Wille ausbaufähig, dem Gegner sportlich weh zu tun, fällt der Mannschaft bei Rückständen und vor allem auswärts nichts ein, um zurückzukommen. Vielleicht fehlen Führungsspieler, an denen sich der Rest orientieren kann? Vielleicht fehlt es dem einen oder anderen auf Drittliganiveau auch an Spielintelligenz, am Antizipieren von Spielsituationen? Oder bräuchte es doch nur mehr Mut und Courage, mehr Laufbereitschaft ohne Ball, mehr Angebote an die Mitspieler? Aber woher nehmen, wenn aktuell gar nichts zueinander passt?

Zu diesen zahlreichen Baustellen auf dem Platz und rund ums Sportliche kam spätestens in den letzten sieben Wochen auch eine veritable Störung im Umfeld. Die aktive Szene (der Rest schweigt ohnehin stets vornehm) entzog, weil die Unterstützung zuvor auch nichts fruchtete, der Mannschaft lautstark die Liebesbekundungen – und entfachte damit eine ebenso fruchtlose, sich seit Wochen im Kreis drehende Debatte um die Art des Fanseins, den Gegenstand der eigenen Lieder und den Einfluss der Fans auf das Spiel. Hinzu kommt der Verein, dem man zumindest unglückliche Händchen im Gebrauch der softskills mit den Fans attestieren muss. Unstimmigkeiten um die Schacht-Choreo, um den „Boykott“, um das Fanhaus, Merchandising und Festspiel zum Vereinsjubiläum, die Rolle der Vereinsfarben bei der Trikotauswahl, die fehlenden Spieler beim Rollenden Mob – es wäre so einiges auszudiskutieren, wenn man von beiden Seiten ehrlich und im Sinne des himmelblauen Mittelpunktes der Welt aufeinander zugehen würde und wenn nicht die Lösung der offenen Fragen im sportlichen Bereich Priorität hätte.

Was bleibt in dieser Ratlosigkeit? Zuvorderst die Konzentration aller auf eine Verbesserung der sportlichen Bilanz, vor allem, was das Wie der Auftritte angeht. Hier kann man die Winterpause hoffentlich nutzen, um das fehlende Puzzlesteinchen einzusetzen. Sowohl personell als auch spieltaktisch und emotional. Denn auch im Frühjahr warten viele interessante Bewährungsproben, die ein Festtag für Spieler und Fans sein können. Das Wie der Auftritte kann auch auf den Rängen nur besser werden, falls, ja falls alle Seiten ihr Ego hintanstellen. Und vielleicht springt man beim Verein angesichts der vielen, von Außenstehenden oft nicht wahrgenommenen Arbeit doch über den eigenen Schatten und versucht Wege zu finden, wie die Fans frühzeitig in die Planung so mancher softskills eingebunden werden können. Das muss weder Belastung noch Erschwernis sein, sondern kann mit etwas Vertrauen manches erleichtern, abnehmen. Knowhow und Herzblut findet sich da sicher im Überfluss.
Sehen wir es positiv: der Herbst war eine langwierige, schwere Erkenntnisrunde und man kann viele Stellschrauben inzwischen recht präzise beschreiben, an denen gedreht werden muss.

Wünschen wir den Verantwortlichen und allen Beteiligten Mut, gute Nerven, die Bereitschaft zum Miteinander und – Heureka – die richtigen Entscheidungen. Dann wird’s nach der herbstlichen Entgeisterung vielleicht doch noch Begeisterung.

Bereit dazu....?

Euer dFT

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