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AOL und Rudi Völler: Länderspiel in Hamburg
von Erik Büttner (14.10.2003)


Der Anmarsch zum Stadion geht schnell. Zwar ist man aufgrund des Nahverkehrsanschlusses etwas spät, doch Shuttle-Busse bringen einen schnell vom S-Bahnhof zum Stadiongelände. Der Bus ist propenvoll, Warmsingen ist angesagt. Die Ordner am Eingang sind gründlich, aber locker. Der Block, den die Eintrittskarte ausweist, liegt genau auf der genüberliegenden Seite der Arena. Eile ist geboten, die Uhr geht auf den Anstoß zu. Am Stand des "Fanclub Nationalmannschaft" versucht ein Promoter verzweifelt neue Mitglieder zu gewinnen. Die Massen haben kein Ohr mehr für ihn, sie suchen bewaffnet mit ihren Fanclub-Nationalmannschaft-Papierfähnchen nur noch den richtigen Aufgang zum richtigen Block.

Es ist schon ein unbeschreibliches Erlebnis, wenn man als "Provinz-Fußball-Fan" durch das Mundloch der Südtribüne des Hamburger Volksparkstadions tritt und auf einen Großteil der über 50.000 Zuschauer herab blickt. Ganz da unten ist auch eine kleine grüne Fläche - das Spielfeld. Noch steht ein Blasorchester akkurat aufgebaut am Mittelkreis, davor zwei "Sängerknaben". Rechts von ihnen stehen drei Trommler mit riesigen Pauken, links brennen 3 Fackeln im Sturm. Die deutsche Nationalelf wird später mit 3 Toren über Island siegen...

Die Westtribüne steht in Schwarz-Rot-Gold - mit integrierter Island-Flagge - als eine Stimme unter Jubel den Einmarsch der zwei Nationalmannschaften verkündet. Es sind kleine weiß-schwarze, blaue und ganz schwarze Männlein. Gerade noch so sind die Rückennummern zu erkennen. Am Gesicht oder anderen Merkmalen kann man sie fast nicht mehr identifizieren. Sie positionieren sich vor den Sängern. Die Nationalhymne Islands ertönt durch die Pauken und Trompeten des Orchesters. Dazu singt einer der zwei Barden. Erheben musste sich keiner der 50.000 mehr. Danach ist das Lied der Deutschen an der Reihe. Es singt der andere Chansonier und (fast) das ganze Stadion singt mit. Auf den beiden Videotafeln läuft für die weniger textfesten Zuschauer der Text mit.
Kurz nach 17 Uhr gibt der russische Schiedsrichter den Ball frei, Deutschland bestürmt das isländische Tor. "Steht auf, wenn Ihr Deutsche seit!", halt es durch die Arena. Alle Deutschen stehen, warum hat man eigentlich Sitzplatzkarten? Auf der Westtribüne stimmen die Isländer Gesänge an. Nicht schlecht, doch wenn die Nordkurve loslegt, haben sie keine Chance.
Dann Ballack, und Toooor! Das Stadion jubelt und auf der Videotafel kann man diesen wahrlich schönen Angriff in zwei Zeitlupen noch einmal anschauen. Kurze Zeit später erste Versuche einer LaOla in der Nord-Ost-Ecke, sie versiegt auf der Haupttribüne. Doch der Stadionsprecher greift hilfreich ein. Jetzt schafft sie es zwei-, dreimal durchs Rund und sie schaut richtig mächtig und prächtig aus.
Doch das Spiel verflacht und damit die Stimmung. Einzig die Isländer machen mit ihrem Pfeifkonzert gegen Deutschlands Hinkel noch Krach. Doch still ist es eigentlich nie, immer hört man ein unterschwelliges Gemurmel.
Dann ist Pause, auf der Videowand werben Mercedes-Benz und andere Unternehmen für ihre Produkte. Hinter den nun leeren "Business-Seats" flimmern in den Logen Fernsehgeräte, es läuft wohl ebenso Werbung wie auf den Videotafeln. Unterdessen versuchen fliegenden Händler weiter aus großen Rucksäcken ihr alkoholfreies Bier (3,50 EUR für 0,5l), ihr Popcorn in AOL-Tüten oder ihre Brezeln (3 EUR) aus riesigen Körben an den Mann, die Frau oder das Kind zu bringen. Der Stadionsprecher erzählt etwas auf der Videowand, inzwischen erfolgt gepflegter Small-Talk mit in der Nord-West-Ecke aufgespürten Bekannten aus der Heimat.
Die zweite Halbzeit beginnt, Island drängt auf den Ausgleich, Ruhe im Stadion. Island trifft, doch der Schiri erkennt den Ausgleich ab. Einige sind erleichtert, andere - nicht nur Isländer - trauern dem Tor hinterher. Doch nur Sekunden später jubeln sie - Bobic trifft volley zum 2:0. Nun ist wieder Stimmung in der Bude: "Steht auf wenn Ihr Deutsche seit!", gefolgt von LaOla. "Ruuuudi, Ruuudi" schallt es durch die Arena, nachdem Kuraniy das 3:0 geschossen hat, dann pfeift der Schiri ab. Die Deutschen lassen sich vor der Südtribüne feiern, ein paar letzte Schnappschüsse werden gemacht.

Der Abmarsch erfolgt nun durch den Wald. Ein paar Männer schieben Einkaufswagen durch die Massen. Sie bieten echtes Bier aus der Büchse den durstigen Kehlen an. Am S-Bahnhof bringen andere kostenlose Exemplare "Fit-for-fun" und ähnlicher Magazine unter das Volk. Ein Händler vertickt alle Sorten Schals bis hin zum "Michael-Ballack-Schal". Am S-Bahnhof wird es noch einmal eng. Fans aus allen Ecken Deutschland stehen friedlich neben einander, dicht an dicht. Dazwischen haben sich auch traurige Isländer gemischt. Die S-Bahn gleicht einer Sardinenbüchse, ein paar Jugendliche schauen über ein Taschenfernseher das "Aktuelle Sportstudio" mit "Poschi". Spätesten an der Station "Reeperbahn" fallen sie aber alle aus der Bahn, hinein geht es in das Nachtleben auf St. Pauli...

Erik Büttner


Statistik
Deutschland - Island 3:0 (1:0)
Deutschland: Kahn - Friedrich, Ramelow, Wörns - Hinkel, Baumann, Rahn - Schneider, Ballack - Bobic (70. Klose), Kuranyi (85. Neuville)
Island: Arason - Ingimarsson, Bjarnason, Hreidarsson - Thordur Gudjonsson, Gretarsson (80. Brynjar Gunnarsson), Kristinsson, Vidarsson, Indridi Sigurdsson (66. Dadason) - Helgi Sigurdsson (80. Veigar Pall Gunnarsson), Gudjohnsen
Tore:1:0 Ballack (9.), 2:0 Bobic (59.), 3:0 Kuranyi (79.)
Schiedsrichter: Iwanow (Russland)
Zuschauer: 50.780 (ausverkauft) in der Hamburger AOL-Arena


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