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Es gibt noch viel zu tun: Länderspiel im neuen Zentralstadion Leipzig
von Erik Büttner (18.11.2004)


17. November 2004, Länderspiel im neuen Zentralstadion Leipzig. Deutschland hat sich dazu die unbezähmbaren Löwen aus Kamerun eingeladen. Das Stadion galt schon seit Wochen als ausverkauft. Schließlich sind Länderspiele der deutschen A-Nationalmannschaft im Osten der Republik rar.

So trafen dann auch schon auf dem Parkplatz am Leipziger Agra-Gelände alle möglichen Schalfarben der Region aufeinander: Himmelblau, Lila, Schwarz-Gelb, Blau-Weiß (FCM), Gelb-Blau-Weiß (Jena),... Leipzig hatte die komplette Innenstadt dicht gemacht und versuchte den Verkehr auf außerhalb gelegenen Parkplätzen abzufangen und die Massen dann per Straßenbahn zum Zentralstadion zu befördern. Das Konzept ging zumindest auf der Anreise auch recht gut auf.
Angekommen an der Haltestelle "Waldplatz" und vorbei an der "ARENA", bot sich nun ein erster imposanter Blick auf die neue "Schüssel". Die hell erleuchtete Dachkonstruktion lugte hinaus über den Saum des mächtigen Walls, der einst die Ränge des Zentralstadions bildete. Nun ging es nur noch mit den Menschenstrom mit. Dieser führte über die nach langen Regenfällen schlammige Festwiese. Dort hatten sich erste Bier- und Wurstbuden platziert. Und auch die "DFB-Fan-Corner" sowie der "Fanclub Nationalmannschaft" hatten ihre Promotion-Karawane hier postiert. So durfte man sich in einem aufblasbaren Gummi-Etwas am Toreschießen probieren, einer Combo auf einer Mini-Bühne lauschen oder Deutschland-Schals für 5 EUR erwerben.
Doch weiter ging es mit dem Menschenstrom auf die Westseite, wo der Zugang zum Stadioninneren erwartet wurde. Die Eingänge zu den Blöcke waren gut beschildert, wenn gleich auch teilweise etwas verwirrend. Doch dafür gab es junge Männer und nette, hübsche Mädels, die mit Rat und Tat zur Seite standen.
Der richtige Blockeingang wurde mit ihrer Unterstützung schnell gefunden. Die Freude darüber wisch aber beim Anblick der Menschentraube vor dem Tor schnell der Ernüchterung. Ganze 6 Einlasstore waren geöffnet, später wurden noch zwei zusätzliche in Betrieb genommen. Geschlagene 20 Minuten brauchte es so, um die knapp 10 Meter zwischen Ende der Menschentraube und Passieren der (alibihaften) Einlasskontrollen zu bewältigen.
Danach ging es aber steil bergan, hinauf auf die Krone des Walls, um sofort wieder hinunter auf die Hauptebene des neuen Zentralstadions zu steigen. Nun ging es ans Suchen der richtigen Treppe zum Block. Die wurde auch schnell gefunden, um anschließend einen endlos scheinenden Marsch zu den recht bequemen Sitzplätzen anzutreten. Dort angekommen stellte sich heraus, dass man sich einen enormen Umweg gespart hätte, wenn man der "Nase" und nicht den Hinweisschildern gefolgt wäre. Doch der Anblick der "Schüssel" machte das schnell vergessen. Die Plätze in Reihe 5 auf dem steilen Oberrang boten einen fantastischen Blick auf das Spielfeld (Selbstlob für diese Auswahl ;-) ). Insgesamt wirkt das Stadion mit seiner Architektur offener, aber auch wesentlich interessanter als z.B. die AOL-Arena in Hamburg.
Kurz vor Spielbeginn stürmte dann das in feinen Abendzwirn gekleidete Orchester in den Innenraum. Dieses intonierte die Melodie zu den von einem sehr von sich überzeugten Sänger vorgetragenen Nationalhymnen. Wer bei der deutschen Hymne nicht ganz so textfest war, bekam Nachhilfe von der Videowand.
Nach dem die Hymnen gesungen, soqie das Trallala davor und danach überstanden war, pfiff Schiedsrichter Massimo de Santis aus Italien endlich die Partie an. Auf der Videowand wurden die Live-Bilder der ARD eingeblendet – allemal nützlich für Zeitlupen. Nach ca. 10 Minuten wichen die dann jedoch dem langweiligen Wechsel aus Spielstandsanzeige und Aufstellung. Nicht minderlangweilig war das Spiel. Deutschland versucht Druck auf die Kameruner Löwen auszuüben, war aber in den Mitteln zu begrenzt, um ernsthafte Chancen herauszuarbeiten. Ein Freistoß von Michael Ballack fand dennoch den Weg ins Tor. Der Torjubel blieb den 44000 aber im Hals stecken, weil der Schiri den Ball noch nicht freigegeben hatte.
Kurz vor der Halbzeit konnte man dann beobachten, wie im ARD-Studio-Container auf der gegenüberliegenden Tribünenseite Günther Netzer und Gerhard Delling von ihrer spielbeobachtenden in die moderierende Position übergingen – aber nicht ohne noch einmal die Nase gepudert zu bekommen. Das Aufblinken einer Roten Lampe ließ dann den Schluss zu, dass man wohl hinter Günther Netzer im Bild sein konnte... ;-) Die VIP-Sitze sowie der komplette (!) Mittelblock auf dem Ostunterrang waren nun verwaist. Die "Häppchen" haben hoffentlich gemundet... ;-)
Die 2. Halbzeit begann dann nicht minder langweilig als die Erste. Nun wagte sich auch mal eine Brezelverkäuferin die steilen Stufen hinunter. Die musste wohl für den kompletten westlichen Oberrang zuständig gewesen sein. Jedenfalls wurde sie oder einer ihrer Kollegen nicht wieder gesehen – auch das ist ausbaufähig.
Mitte der 2 Halbzeit dann wurde das Spiel interessanter. Kamerun intensivierte die Meckerei, die ihnen schließlich Gelb-Rot für Djemba-Djemba (81.) einbrachte und Deutschland schoss Tore. Kuraniy (70.) und Doppel-Klose (78., 88.) legten 3 Eier ins Netz. Aber Nationalmannschaftfreundschaftsspieltore sind halt nicht das Selbe, als wenn man sie beim CFC sieht. Man applaudiert zwar, aber das war’s dann auch. Ähnlich gestaltete sich die Stimmung im Stadion über das ganze Spiel. Zwar schwappten einige LaOla-Wellen durch das Rund und es hallten "Deutschland, Deutschland"-Rufe gepaart mit rhythmischen Klatschen durch die Arena, aber die große Stimmung kommt halt bei einem Länderspiel nicht auf.
Nach dem Schlusspfiff blieb schließlich noch der Bratwursttest. Das Preis-Leitungs-Verhältnis der 2 EUR teuren Bratwurst stimmte in jedem Fall. Und auch für den Service gibt es Note Eins. In Sekunden vollzog sich der Austausch von Euros und Wurst. Schade eigentlich, so konnte man(n) das nette Lächeln der jungen Verkäuferin nur kurz genießen.
Genießen konnte man nun auch einen nächtlichen Stadtbummel durch Leipzig. Denn es war nicht daran zu denken, auch nur in eine der Straßenbahnen hineinzukommen. Die fuhren zwar fast schon im Sekundentakt, doch reichten sie allein keinesfalls aus. Zusätzliche Transferbusse suchte man vergeblich. So zog eine Menschenkarawane Richtung Hauptbahnhof, in der Hoffnung, dass dort die Bahnplätze neu verteilt werden. Doch dieser Funke Hoffnung verglimmte schnell. Es erwies sich als sinnvoller durch die Innenstadt bis in die Nähe des Neuen Rathauses zu ziehen. So konnte man aber auch Ulf Kirsten in einem Café beim angeregten Plausch erspähen und an der Kreuzung Peterssteinweg endlich eine im erträglichen Maß gefüllte Straßenbahn besteigen.

Das Zentralstadion als Bauwerk ist eine wirkliche Augenweide geworden. Schade nur, dass es keinen wirklichen Nutzer dafür gibt. Auch alles, was sich innerhalb der Stadionumzäunung befindet ist weitestgehend makellos. Das größte Problem aber ist die Infrastruktur. Die schlammigen Wege müssen unbedingt saniert werden und es sind bedeutend mehr Eingänge nötig. Das Verkehrskonzept ist für die Anreise ausreichend, für die Abreise jedoch ungenügend. Den Abtransport der 44000 allein über Straßenbahnen zu realisieren, ist einfach unmöglich. Die Stadionbetreiber und die Stadt Leipzig haben bis zu den zwei fußballerischen Großereignisse 2005 (Confederations-Cup) und 2006 (WM) noch viel Arbeit vor sich.
Stimmungstechnisch zeigte das (Leipziger) Publikum nicht die erträumte grenzenlose Begeisterung, präsentiert aber zumindest Nationalelfdurchschnitt. Und zum sportlichen Teil des Abends muss nicht viel gesagt werden. Kamerun war einfach enttäuschend und die deutsche Elf hat so gespielt wie immer: Es war nicht die große Fußballkunst, aber erfolgreich.

Erik Büttner



Statistik
Deutschland - Kamerun 3:0 (0:0)
Deutschland: Lehmann - Schneider, Mertesacker, Huth, Lahm (66. Hitzlsperger) - Schweinsteiger, Frings, Ballack, Ernst (80. Borowski) - Asamoah (62. Klose), Kuranyi
Island: Kameni - Song, Mettomo (35. Perrier Doumbe), Tchato - Djemba-Djemba, Geremi, Atouba, Makoun - Douala (55. Feutchine), Eto'o (88. N'Diefi), Job (73. Ateba Bilayi)
Tore: 1:0 Kuranyi (71.), 2:0 Klose (78.), 3:0 Klose (88.)
Schiedsrichter: de Santis (Italien)
Zuschauer: 44.200 (ausverkauft) im Leipziger Zentralstadion