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WM 2006: 'Ronaldo is a Pussy'
von Erik Büttner (16.06.2006)


Schwarz, rot und gold – das sind die Modefarben dieses Sommers. In Berlin aber fehlte das schwarz, dafür gesellte sich grün und weiß zum Farbtrio. Es war der Dienstag, an dem Kroatien gegen Brasilien im deren ersten Spiel bei der WM 2006 forderte.

Brasilianer und Kroaten beim gemeinsamen Fotoshooting Kaum hat man den U-Bahn-Schacht an der Station „Unter den Linden“ verlassen, da strömen einen schon brasilianische, kroatische, schwedische, deutsche, australische,... Trikots und Fahnen entgegen. Vor dem Brandenburger Tor posieren Brasilianer und Kroaten gemeinsam für ein Foto, ein paar Meter weiter begehren Hunderte Einlass zur größten Party dieser Tage, der Fanmeile entlang der Straße des 17. Juni. Um die Ecke, vor dem Reichstag zeigt ein brasilianischer Fan namens Fabinho der Welt, was er mit dem Ball so drauf hat. Dahinter laueren im Nachbau des Olympiastadions die Meute auf ein Tor im Spiel der Franzosen gegen die Schweiz. Im neuen Hauptbahnhof nutzt eine Anhängerschar die hervorragende Akustik für beieindruckende Schlachtgesänge, eine brasilianische Trachtengruppe gibt ebenfalls ihr musikalisches Können in der Bahnhofshalle zum Besten.

Das ist Berlin im WM-Sommer 2006.

Auch die Fahrt mit der S-Bahn zum Olympiastadion wird zum Erlebnis. Die Kroaten feiern mit Fahnen und Gesängen – „Ronaldo is a pussy“ schallt es im Zug. Da können auch die technischen Schwierigkeiten, die die Bahn zu einer halbstündigen Pause zwingen, die Stimmung kaum trüben. Unter Applaus geht es dann weiter vorbei an den Charlottenburger Häusern, die mit Fahnen aus aller Herren Ländern geschmückt sind.

Endlich am Bahnhof „Olympiastadion“, der so mancher Kleinstadt auch gut stehen würde, angekommen, wälzt sich eine grün-gelb-rot-weiße Masse der WM-Arena entgegen. Das Haus des Berliner Sportbundes ist fest in kroatischer Hand. Ein brasilianischer Fan hat zwar keine Karte, mit seiner flehenden Geste und dem Schild „I need a ticket“ aber die Aufmerksamkeit der omnipräsenten brasilianische Medienlandschaft sicher. Tausende warten vor dem Westtor mit seinen unzähligen Sicherheitsschleusen auf den Einlass. Die Ordner hier sind geschickt und freundlich. Ein kleines Chaos bricht erst in den Zugängen zum Innenraum aus. Es scheint so, als wollen alle 72.000 Besucher der Partie durch das Mundloch für die Blöcke D,E und F ins Stadioninnere. Die Volunteers geben geduldig Auskunft, auch wenn eigentlich alle Blöcke gut beschriftet sind. Das Gedränge vor dem Kiosken ist nicht minder groß, trotz Preisen von 4 EUR für das „Radler“ aus der amerikanischen Anheuser Brauerei und 4 EUR für ein Schnitzel. Das Wasser schmeckt nach Frittenfett, aber es ist an diesem Abend um halb 9 immer noch um die 25 °C warm und da schüttet man auch das in sich hinein.

Verzweifelter Brasilianer sucht Eintrittskarte Ein Blick über die vollen Ränge des Olympiastadions lässt die klare Dominanz der Farbkombination grün-gelb erkennen. Die rot-weißen Kroaten haben sich vorallem links und rechts des Marathontores platziert. Eine brasilianische Combo mit zwei Grazien als Spitze und bunten Trommlern hinterher zelebriert ihren Einzug in den Block F. Auf dem Oberrang heischen 3 junge Brasilianerinnen nach jeder Linse, die sie auf Zelluloid oder eine Speicherkarte bannen will.

Es ist kurz vor 21 Uhr, das Spiel kann beginnen. „Ladys and Gentlemen, please stand up for the national anthems.“ – der Satz ist eigentlich völlig überflüssig, es sitzt schon längst keiner mehr. Pünktlich um 21:00:00 FIFA-Ortszeit pfeift der Schiedsrichter aus Mexico die Begegnung unter dem Blitzlichtgewitter hunderter Kameras an. Ronaldinho & Co. lassen mit einer wunderbaren Kombination den Hunger nach hoher Fußballkunst schnell wachsen. Doch das Fußballvolk hungert von Minute zu Minute mehr. Kroatien dagegen kommt immer besser ins Spiel, lässt aber die Torgefahr vermissen. Und so drischt kurz vor der Halbzeit Kaká den Ball in die Maschen. Während dessen haben die „Stewards“ in ihren neonroten Leibchen die Treppe geräumt und auch die Folkloretruppe mit den 2 Grazien aus dem Innenraum entfernt. Alles unter der fachkundigen Anleitung der „Supervisoren“ in neongelben Leibchen. Das sind die wichtigsten Personen im Stadion – sie fühlen sich zumindest so und lassen das auch jeden wissen. Diese Ordner sind auch die einzigsten in Berlin, die wirklich für Stress sorgen. „Wer sind den die Gelben da unten?“, fragt einer der Neongelben nach der erfolgreichen Räumaktion den Volunteer im Block. Er gibt auch ihm freundlich Auskunft. Der anschließende Smalltalk zwischen den beiden wird weiter auf diesem Niveau geführt...

Unterdessen ist die 75. Minute angebrochen. Brasilien hat das Fußballspielen eingestellt und Ronaldo ist „replaced by Robinho“. Die Kroaten drängen auf den Ausgleich. In der rot-weiß-karierten Kurve steigt die Stimmung an, während man von den grün-gelben schon seit längerem nichts mehr gehört hat. 3 Bengalenkerzen in den kroatischen Oberrangblöcken hüllen das Stadion in faszinierendes Rot und ein kroatischer Fan hat sich auf das Feld geschlichen und küsst Kroatiens Prso die Füße. Nach Zögern macht sich auch einer der heroischen Supervisoren auf den Weg, den Flitzer zu stellen. Prso hat ihn schon längst mit einer herzlichen Umarmung zur Seitenlinie gebracht.
Noch 5 Minuten zu spielen und längst hält es im weiten Runde keinen Kroate mehr auf dem Sitz. Auch die Herzen der neutralen Zuschauer haben die Balkanfußballer jetzt erobert. Ein Tor gelingt ihnen trotzdem nicht mehr. Während Ronaldinho, Dida, Lucio & Co. schnurstracks in die Kabine verschwinden, laufen die kroatischen Spieler in die Kurve. Kaká wird „Man of the Match“, „for his outstandig performace tonight“. Diesen Titel hätten vielmehr die kroatischen Anhänger verdient. Sie hatten besonders in der 2. Halbzeit das Olympiastadion in eine wunderbare Stimmung gehüllt und in Unterzahl der brasilianischen Anhängerschaft klar den Schneid abgekauft. Doch die Brasilianer setzen anders als die Kroaten eher auf individuelle Höhepunkt (siehe Folkloregruppe), als auf ein gut funktionierendes Fankollektiv. Dass viele der Anhänger in grün-gelb des Portugiesischem nicht mächtig sind, ist dann natürlich der Stimmung auch nicht förderlich.

Abendlicher Trubel vorm Berliner Olympiastadion Die Massen strömen um 23 Uhr aus dem Stadion. Vor den Toren warten Männer und hübsche Frauen mit kleinen Schildern, auf denen „Avaya“, „Philips“ oder „MasterCard“ steht. Sie begleiten die erlesenen Fans ins Football Village, in dem das riesige VIP-Zelt steht. Die anderen strömen zum S-Bahnhof oder in den großen Biergarten „preußisches Landwirtshaus“ gegenüber. Hier herrscht wieder eine klare grün-gelbe Übermacht, doch die Kroaten halten sich, unterstütz von Schweden, Portugiesen und Co., wacker. Das Wort „Weizen“ kommt den Südamerikanern zwar etwas schwer über die Lippen, doch Deutschland in diesen Tagen ist nicht nur schwarz-rot-gold sondern auch hilfsbereit und bestellt 2 dieser Brauprodukte für die Gäste aus dem fernen Land. An einem Tisch mühen sich trotzdem mit einer Menge Spaß Kroaten mit einem dieser zerschnittenen Falk-Stadtpläne ab. An einem anderen sehen die Männer vom Balkan gegen die Brasilianer auch beim Kartenspielen keinen Stich. Ein ghanaischer Fotograf lässt den schweren Tag zusammen mit Portugiesen und einem richtigem Bier ausklingen. Weiter vorn tanzen die Brasilianer auf den Tischen. Und all dies unter dem Auge einer Kamera des brasilianischen Fernsehens.

Auch gegen 1:30 Uhr ist der Bahnsteig des Olympiabahnhofs noch gut gefüllt, wie dann natürlich auch die S-Bahn. Ein schon etwas geschaffter Österreicher mit Schal der Rapid-Wien-Ultras diskutiert schon mit deutschen Fans über die kommende EM in seinem Land. Erst nach dem Umsteigen wird es ruhiger in der Bahn. 2 Berliner sitzen auf der Motorenverkleidung, einer ein Footballer, der gerade erst bei den Chemnitzer Crusaders gewonnen hatte, bei der Olympiastadion GmbH arbeitet und kein WM-Spiel sehen wird. Der andere in grün-gelber Brasilienkluft. Sie kommen von der Fanmeile und berichten begeistert: „Wir standen in mitten einer geilen Party. Vor und hinter uns brasilianische Trommler. Die haben die ganze Zeit portugiesisch auf uns eingequatscht, wir haben kein Wort verstanden...“.

Doch Berlin versteht sich auch ohne Worte. Denn Berlin im Sommer 2006 ist eine einzige stimmungsvolle WM-Party. Die Welt ist zu Gast in Berlin und sie ist nicht nur im FIFA-Slogans zu Gast bei Freunden.


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