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Die himmelblaue Berg-Tal-Berg-Fahrt
von Erik Büttner (12.07.2015)


Wir befinden uns im Juli 2015 und die Vorbereitungen auf die neue Saison laufen bereits auf Hochtouren. Man mag kaum glauben, dass die letzte Partie der alten Spielzeit 2014/2015 schon wieder sieben Wochen Geschichte ist. Zeit, um noch einmal zurückzublicken.

Als der Chemnitzer FC sich schon wieder auf die neue Saison vorbereitete, da kämpften im fernen Brasilien die deutschen Männer noch um die Krone des Weltfußballs. Das taten sie sehr erfolgreich und die Fußballstimmung im deutschen Lande war prächtig. Da sprang man im himmelblauen Lager einfach mit auf. Die letzten Tests sahen vielversprechend aus, trotzdem konnte man nicht ahnen, was in den kommenden Wochen folgen würde.

An das legendäre 10:9 gegen Mainz wird man in Chemnitz noch lange zurückdenken Es war ein ziemlich warmes letztes Juli-Wochenende, der CFC musste zum Auftakt in Halle antreten. Die CFC-Fans, die dort waren rasteten aus, die Daheimgebliebenen schauten zweimal in die Ergebnisliste, ehe sie es glaubten: 3:0 für den CFC – mit Tabellenrang eins startete die neue Saison. Eine Woche später kam der VfL Osnabrück nach Chemnitz, der VfL, der vor einem Jahr den CFC ziemlich auf den Boden der Tatsachen gerissen hatte. Doch angetrieben von einer stimmgewaltigen Kulisse auf der neuen Tribüne im Süden der Fischerwiese revanchierten sich die Himmelblauen mit 2:0 und thronten weiter auf dem Platz an der Sonne. Das blieb auch nach Spieltag 3 und einem sogar etwas unglücklichen 0:0 gegen den späteren Aufsteiger Bielefeld so. Am vierten Spieltag kassierte eine starke CFC-Abwehr den ersten Treffer, siegte trotzdem sicher bei Fortuna Köln (2:1) und sah sich gerüstet für das anstehende DFB-Pokal-Spiel gegen Bundesligist Mainz 05. Es wurde ein Spiel, was am nächsten Tag in allen Medien für Furore sorgte. Nach 50 Minuten lag Chemnitz 0:2 zurück und alle glaubten an den normalen Lauf der Dinge. Doch dann glich der Doppel-Fink aus. Mainz aber ging wieder in Führung und schenkte sich kurz vor Spielende selbst eine Bude zum abermaligen Ausgleich ein. Dann die Verlängerung: Der CFC ging zweimal in Führung, hielt sie aber nicht; und besonders bitter war es, weil das 5:5 in der Schlussminute fiel. Im Elfmeterschießen zeigte nur Mainz‘ Jara Nerven, der CFC stand in der nächsten Runde und alle 10.000 Zuschauer gingen mit ungläubigem Dauergrinsen in die Nacht.

Gegen Duisburg wartete der MDR 90 Minuten lang vergeblich auf ein TorDoch den Schwung konnte der CFC nicht in die Liga mitnehmen. Gegen den späteren Aufsteiger Duisburg holte Chemnitz noch ein gutes 0:0, doch anschließend setzte es bei den Stuttgarter Kickers die erste Niederlage (0:2). In den Heimspielen gegen Rostock (2:0) und Unterhaching (2:0) fehlte zwar auch der Schwung. Doch gegen die späteren Kellerkinder erkämpften sich die Himmelblauen Siege wie auch im verlegten Spiel bei Dortmunds Reserve (3:1). Der CFC stand wieder auf Tabellenplatz eins und war auch mit dem mageren Remis beim VfB Stuttgart II und der ersten Heimniederlage gegen Cottbus (0:1) nicht davon wegzubringen. Die Konkurrenz war ebenso unstet, acht Mannschaften lagen mit einem Gesamtabstand von nur 3 Punkten im Spitzenfeld der Tabelle.

Nun, an Spieltag 12, ging es zum heißen Sachsenderby nach Dresden. Vor knapp 30.000 Zuschauern lieferten sich Dynamos und Himmelblaue auf den Rängen und dem Feld einen spannenden Kampf, den ein grober Patzer der gesamten CFC-Defensive zugunsten Dresdens entschied (0:1). Es war vielleicht der Knackpunkt für das, was in den Wochen danach folgte. Auswärts bekamen die Himmelblauen keinen Fuß mehr auf den Rasen und verloren alle fünf Spiele bis zur Winterpause. Zweiter gegen Erster hiess es am 12. Spieltag in Dresden Während die Niederlagen in Erfurt (0:2) und Wiesbaden (0:2) mit Wohlwollen noch unter „kann passieren“ eingeordnet werden konnten, war die Niederlage in Großaspach nicht entschuldbar. Es waren auch die Spiele, in denen Philipp Pentke durch Patzer seinen Status so nachhaltig schädigt, dass er zum Saisonende aussortiert wurde. Denn nach Dresden und Erfurt flatterten dem Kulttorwart auch im DFB-Pokal gegen Bundesligist Werder Bremen (0:2) gehörig die Hände. Wenigstens zog der CFC seine Ligaheimspiele, siegte gegen Münster (1:0) sowie Kellerkind Regensburg (4:1) und ließ nur gegen starke Kieler Punkte liegen. Doch die schon erwähnte Pleite bei Abstiegskandidat Großaspach zeigte nachhaltig Wirkung: Chemnitz vergeigte die Heimpartie gegen den Tabellenvorletzten Mainz II (1:2) und zeigte gegen Halle seine schlimmste Heimleistung, die mit 0:2 dann noch gnädig ausfiel. Mit den nicht ganz unerwartet verlorenen Auswärtsspielen in Osnabrück und Bielefeld (je 0:2) summierten sich die Niederlagen schon auf fünf am Stück und über die Weihnachtszeit wurde es deutlich ungemütlich im himmelblauen Chemnitz. Die Diskussionen des seit Herbst nach einem mysteriösen Verkehrsunfall suspendierten Ronny Garbuschewski spitzten sich nun unschön zu. Die Rückholaktion des in die Reserve versetzten Marc Hensel wirkte wie kopfloser Aktionismus. Und eine Erkrankung von Cheftrainer Karsten Heine sorgte für wildeste Spekulationen (unter anderem „Heine will fort“, „die Mannschaft stellt sich selbst auf“), angeheizt durch eine unglückliche Kommunikation des Vereins und eine fehlfarben angehauchte Berichterstattung in einer Chemnitzer Tageszeitung.

Ronny Garbuschewski wechselte nach Cottbus und traf beim Aufeinandertreffen in letzter MinuteDoch die Kühle der Winterpause brachte auch Ruhe in die Gemüter. Die Causa „Garbuschewski“ wurde mit einem Transfer nach Cottbus gelöst. Mit Kolja Pusch und Marcel Hofrath gingen zwei aufs Abstellgleis gerutschte Akteure nach Regensburg. Dafür kamen mit Nicolai Lorenzoni, Karol Karlik und Timo Cecen neue Gesichter in die Mannschaft. Ein besonderer Coup aber gelang der sportlichen Leitung mit der Verpflichtung von Frank Löning, den man im Erzgebirge nicht mehr haben wollte. Er wurde ein Glücksgriff, füllte er doch genau die Position im Angriff aus, die dem CFC in den Herbstwochen so viel Kopfzerbrechen bereitet hatte. Auch wenn Löning selbst mit vier Treffern nicht die große Ausbeute gelang, so befreite er vor allem Anton Fink von der Last des Alleinunterhalters im Angriff und gab ihm die Leichtigkeit zurück, durch die er später teils spektakulär (Dortmund) wieder traf.

Endgültig Ruhe brachte dann das erfolgreiche Auftaktheimspiel nach dem Winter, in dem Fortuna Köln in einem spannenden Spiel mit 3:1 geschlagen wurde. Zwar hatte der CFC in den nächsten beiden Spielen gegen Duisburg (0:3) und die Stuttgarter Kickers (1:1) viel Pech, doch mit dem Sieg gegen Dortmund II (3:1) und dem Remis (0:0) in Unterhaching war die richtige Richtung wieder gefunden. Da war auch ein abermals unglückliches 0:1 in Rostock (Handtor) zu verschmerzen, denn in den folgenden Partien machte sich der CFC von Mittelfeldplatz 12 auf zurück ins erste Tabellendrittel. Gegen Stuttgart ermurmelten sich die Himmelblauen ein 1:0, in Cottbus verhinderte ausgerechnet Ronny Garbuschewski mit seinem wohl einzigen Lichtblick in der Rückrunde nach einem direkten Freistoßtreffer den CFC-Auswärtssieg (2:2). Doch nach dem hochverdienten Sieg über die kriselnden Dynamos vor 10.000 auf der weiter gewachsenen neuen Fischerwiese war das nur noch Makulatur. Und als dann am 32. Spieltag mit dem ebenfalls hochverdientem 3:2 in Münster nach 11 Auswärtsspielen wieder ein Sieg in der Fremde gelang und Erfurt mit 2:1 geschlagen wurde, war die himmelblaue Welt wieder in Ordnung. Das 1:2 in Kiel, wo die Himmelblauen eigentlich besser waren, wurde zwar ein kleines Ärgernis, doch es blieb auch die letzte Niederlage. Siege gegen Wiesbaden (2:1), in Regensburg (1:0) und gegen Großaspach (2:0) sowie das Remis in Mainz (1:1) zu Saisonultimo fügten noch einmal 10 Zähler auf das himmelblaue Punktekonto hinzu und ließen den CFC abschließend auf Rang 5 ins Ziel laufen und damit mit der besten Saisonausbeute seit dem Drittligaaufstieg.

Emotionaler Abschied von Keeper Philipp PentkeGekrönt wurde die Saison mit der Verteidigung des Sachsenpokals, in dessen Wettbewerb die Himmelblauen zwar selten große Leistungen zeigten, aber in den Spielen bei Post Dresden, in Niesky, Bautzen und im Finale in Zwickau stets den längeren Atem hatten und komplett gegentorlos blieben. Mit dem Los Borussia Dortmund kommt nun am 9. August einer der ganz großen des deutschen Fußballs nach Chemnitz.

Doch trotz dass der Chemnitzer FC die Saison mit einigen Bestwerten abgeschlossen hat, bleibt unter dem Strich eher ein Gefühl des „was wäre möglich gewesen“ statt einer vollen Zufriedenheit über die erreichte Leistung. Der hervorragende Start in die Saison, bei dem der CFC über seinem Leistungsvermögen spielte, weckte Erwartungen, die im Herbst bitter enttäuscht wurden. Zwar holten im Frühjahr die Himmelblauen wieder kontinuierlich ihre Punkte, doch die Spitzenplätze waren da eben bereits unerreichbar. Ein etwas gedämpfterer Saisonstart und ein etwas erfolgreicherer Herbst bei gleichem Endergebnis hätten die durchaus gute Saison sicher in einem positiveren Licht in den Erinnerungen stehen lassen.

Doch was kommt nun 2015/2016? Leichte Euphorie ist im himmelblauen Lager auszumachen, immerhin wurden – zweifellos durch das Pokallos beflügelt – schon mehr als dreimal so viele Dauerkarten wie im letzten Jahr bestellt. Die neue Fiwi wächst und wächst.Doch es wartet die vielleicht stärkste dritte Liga seit deren Einführung auf den CFC. Überflieger kann man nicht ausmachen, aber mehr als die Hälfte der Mannschaften liebäugeln mit einem der drei Spitzenplätze. Deshalb tut Demut zurzeit auch gut. Viele haben schon von großen Taten geträumt und sind dann tief gefallen, der CFC gehörte 1996 selbst dazu. Auch wenn es abgedroschen klingt: Wichtig ist zunächst die ominösen 45 Punkte zu holen, dann kann man weiter (nach oben) schauen. Das Rüstzeug dafür hat der Chemnitzer FC in jedem Fall, nun muss er es nur noch auf den Platz bringen. Und da werden die Himmelblauen bald einen der schönsten der dritten Liga haben. Denn das neue Stadion dürfte im Laufe der Saison fertig werden und dann sollen große, zuschauerreiche Spiele keine Ausnahme bleiben.

Zahlen der Saison:




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