90 Jahre 'Fischerwiese' - Teil 2: Vom PSV-Platz zum Dr.-Kurt-Fischer-Stadion

14.05.2024 von Frank Neubert ( 1562)
Im Mai 2024 jährt sich zum 90. Male der Geburtstag der heutigen Spielstätte unserer Himmelblauen. Die Eckdaten sind weitgehend bekannt - die Eröffnung erfolgte am 13. Mai 1934 durch den Polizeisportverein Chemnitz, welcher 1945 nach Kriegsende aufgelöst werden musste. Die „Fischerwiese“ wurde zur Heimstätte des FCK, und nach der Wende zu der des CFC. Zwischen 2014 bis 2016 erfolgte ein Neubau während des laufenden Spielbetriebs. Wir möchten in vier Teilen auf die Geschichte dieser für Chemnitz so traditionsreichen Sportstätte zurückblicken.

Teil 2: Vom Polizeisportplatz zum Karl-Marx-Städter Dr.-Kurt-Fischer-Stadion

Der 13. Mai 1934 war als Festtag auserkoren, an dem das Weihespiel stattfinden sollte. Der PSV hatte den dreifachen Dt. Meister, die SpVgg Fürth nach Chemnitz verpflichtet. Die erste Anfrage war an Fortuna Düsseldorf gegangen, doch „der Abschluß scheiterte an den von den Westdeutschen gestellten Forderungen“, wie es im Vereinsheft des PSV vorwurfsvoll heißt. Am Weihetag säumten 15.000 Zuschauer die Ränge und sahen neben Fahnen, Spielmannszug und politischer Prominenz ein verdientes 5:1 gegen die Kleeblätter. Den ersten Treffer im neuen Rund erzielte Linksaußen Erich Mädler, der ewige Rekord-Stürmer Erwin Helmchen legte die zweite Kiste nach. „1-2-3... Polizei!“, so schallte es von den Fans froh über den Platz. Im Zschopauer Tageblatt vom 14. Mai 1934 liest man über die Eröffnung:

Die neue große Sportplatzanlage des Chemnitzer Polizeisportvereins wurde am Sonntag in feierlicher Weise ihrer Bestimmung übergeben, nachdem sie in zweijähriger Arbeit zu einer allen Anforderungen genügenden Sportstätte ausgebaut worden ist. Vor fast 15.000 Zuschauern lieferte der Polizeisportverein gegen die bekannte Spielvereinigung Fürth sein Eröffnungsspiel und siegte zahlenmäßig sicher mit 5:1 (3:0) Toren. Die eigentliche Weihefeier war vom Polizeisportverein mustergültig aufgezogen worden und gestaltete sich zu einem sportlichen Großereignis für Chemnitz. Die Weihestunde erhielt einen besonderen Rahmen durch den Aufmarsch sämtlicher Sportler des Polizeisportvereins in Sportkleidung, an dem auch die Abteilungen der Landespolizei teilnahmen.

1934: Weihe der neuen Spielstätte des PSV ChemnitzGut vier Wochen später bestritt der FC Madrid (ohne „Real“, da Spaniens zweite Republik königliche Symbole verboten hatte) eine Rundreise in Sachsen und machte dabei auch beim PSV Halt. Begeisterung kam auf, 20.000 Zuschauer wollten am 15. Juni 1934 die spanische Torhüter-Legende Ricardo Zamora und dessen Paraden sehen. Die Polizei überrollte die verdutzten Berufsspieler förmlich, und die Legende auf der anderen Seite, Helmchen, netzte zum 1:0 ein. Mit 2:1 ging es in die Pause. Zamora blieb wegen angeblicher Verletzung in der Kabine. Daraufhin setzte ein gellendes Pfeifkonzert ein, bis er endlich wieder im Kasten stand. Noch dreimal musste er hinter sich greifen, 5:2 lautete der Endstand, und „Erwin“ hatte allein drei Buden erzielt. Zwei Tage später siegte Madrid 3:0 beim DSC, aber das sei nur am Rande erwähnt.

Ab der Saison 1934-35 war der Platz die Heimfestung des PSV, welcher sich davon beflügeln ließ und sowohl 1935 als auch 1936 in der sächsischen Gauliga den Meistertitel holte. Im November 1934 besiegte man vor 25.000 Zuschauern den Dresdner SC, und kam bei dem Ansturm zur Erkenntnis, daß ein vierter Eingang und weitere ergänzende Stufen notwendig sind. Auch eine Überbrückung des geteilten Norddamms (Nordkurve, späterer Spielertunnel) würde Sinn machen. All dies wurde ausgeführt, und auf der Nord-Überbrückung sogar noch eine Spieluhr angebracht. In dieses schicke Stadion vergab der DFB das Gruppenspiel der Dt. Meisterschaft zwischen dem BC Hartha (Sächsischer Überraschungsmeister 1937 und 1938) und Fortuna Düsseldorf. Das 1:1 am 15. April 1938 sahen „über 30.000“ Zuschauer (PSV-Heft), bei Hartha liest man „32.000“ in der Vereinschronik. So oder so - es ist der Zuschauerrekord für das Stadion vor 1945.

1946: Stadtmeister SG Nord vor der Nordkurve mit Überbrückung und UhrNach dem Kriegsende 1945 war das Stadion erst einmal nicht benutzbar, da Bombenkrater vor der Nord- und Südkurve beseitigt werden mussten. Leider wurden auch der PSV (und CBC) beseitigt, denn aufgrund alliierter Beschlüsse mussten alle braunen Strukturen beseitigt werden - dazu zählten auch die alten Sportvereine. Das Gelände ging an die Stadt Chemnitz über. Nachdem der Spielbetrieb mit lokalen Stadt-Gemeinschaften (SG Nord, SG West, u.a.) wieder einsetzte, las man nun vom Sportplatz Gellertstraße (Plakat, 1946), Chemnitzer Nordstadion (Fuwo, 25.10.49) und Fewa-Stadion (Fuwo, 18.7.50). Am 13. Juli 1950 beschloss die „7. Öffentliche Stadtverordnetenversammlung“, daß Stadion nach Dr. Kurt Fischer zu benennen - aus welchem die Fans später das gemütliche „Fischerwiese“ ableiten sollten. Allerdings hatte der Berufspolitiker (KPD, KPdSU, SED), u.a. tätig als sächsischer Innenminister und Chef der Volkspolizei, einen äußerst zweifelhaften Ruf - nachzulesen z.B. bei Wikipedia.

Das Dr.-Kurt-Fischer-Stadion wurde nun fleißig von den Vorläufern des FCK genutzt: BSG Fewa Chemnitz (1949), BSG Chemie Chemnitz (1951), BSG Chemie Karl-Marx-Stadt (1953). Letztgenanntes Team besiegte am 18. November 1953 vor 28.000 Zuschauern (lt. Fuwo) im Liga-Spitzenspiel Fortschritt Weißenfels mit 3:0. Die vielen Zuschauer sahen bereits den späteren Aufsteiger, denn Chemie K-M-S stieg im Sommer 1954 in die DDR-Oberliga auf. Ab März 1956 spielte der SC Motor Kmst. auf der „Fischerwiese“, ab 1963 der „SCK“ (ohne Motor-Zusatz). Und am 15. Januar 1966 wurde dann endlich der FC Karl-Marx-Stadt aus der Taufe gehoben, welcher bereits in der Folgesaison zum ganz großen Wurf ansetzen sollte.

1975: Sprecherkabine und TV-Podest auf der WestseiteIn der Saison 1966-67 setzte sich die Scherbaum-Elf am 7. Spieltag mit einem Sieg bei Lok Leipzig an die Tabellenspitze, welche sie bis zum letzten Spieltag nicht wieder hergab. Die Massen strömten zur Fischerwiese, und am 5. November 1966 jubelten 28.000 (lt. Fuwo) begeisterte Fans über den 3:2-Sieg des Clubs über den amtierenden Meister Vorwärts Berlin. Einige der nächsten Heimspiele wurden daher ins größere Ernst-Thälmann-Stadion verlegt, so zum Beispiel die Partie gegen Lok Leipzig im April 1967 vor stolzen 45.000 Zuschauern, welche die Himmelblauen mit 2:0 gewannen. Die Übergabe der verdienten Meister-Medaillen erfolgte zum letzten Heimspiel (2:2) gegen Jena, ebenfalls im Sportforum.

Mit dem nachlassenden Erfolg des FCK zog man wieder an die Gellertstraße um, und bald zeigten sich auch die Nachteile der alten Platzanlage. Beim 0:1 gegen Lok Leipzig am 2. März 1968 wurde dem FCK ein Tor wegen Abseits nicht anerkannt und die Zuschauer bedrängten aufgrund fehlender Zäune sowohl den Linienrichter als auch das Schiedsrichterkollektiv nach dem Abpfiff. Als Strafe wurde dem FCK auferlegt, ein Spiel in Meerane auszutragen, und „geeignete Maßnahmen einzuleiten, damit bei den Heimspielen ausreichende Sicherheit gewährleistet ist". Klappte aber nicht, denn im Abstiegsjahr 1970 bekam man eine erneute Platzsperre für die letzten beiden entscheidenden Heimspiele aufgebrummt - und stieg ab. Aber, nur ein Jahr später war man wieder Oberligist. Gut gemacht.

1976: Die elektronische Anzeigetafel in der SüdkurveAnfang der 70er Jahre hielt dann auch die modernere Technik auf der Fischerwiese Einzug. Im Hintergrund einiger weniger Fotos (Aufnahmen vom Spielgeschehen) erkennt man auf der Westseite des Stadions eine kleine Sprecherkabine und einen angrenzenden Kamera-Stand. Dort sollten später auch die Sitzplätze und kurz vor der Wende die Tribüne entstehen. 1976 wurde mit der Installation einer elektronischen Anzeigetafel in der Südkurve begonnen. Die "Elektronik" bestand aus einzelnen Feldern mit 35 Glühbirnen, die jeweils den Namen der Mannschaft und den Spielstand anzeigten. Premiere feierte das technische Wunderwerk am 23. Oktober 1976, als Aue zum Bezirksderby anreiste und vom FCK mit 5:1 abgeschossen wurde. Ein perfekter Einstand. Das nächste FCK-Stadionheft vom 6. November 1976 bedankte sich:

Beim letzten Heimspiel gegen die BSG Wismut Aue wurde die neue Anzeigetafel im Dr.-Kurt-Fischer-Stadion eingeweiht. Die Leitung des Fußballclubs Karl-Marx-Stadt möchte sich auf diesem Wege für die Hilfe und Unterstützung bei der Realisierung dieser Aufgabe beim Rat der Stadt, beim VEB Sport- und Erholungsstätten und besonders beim Kollektiv des Obermeisters Werner Pregula vom VEB Starkstromanlagenbau Karl-Marx-Stadt herzlich bedanken. Immerhin mußten 11,5 km Kabel verlegt, 9000 Klemmverbindungen und Lötstellen angebracht werden, bevor die 2170 Glühbirnen aufleuchten können. Die Uhr arbeitet auf digital-Basis. Die beiden Mitglieder des Kollektivs Joachim Lerch und Steffen Rudl werden die Anzeigetafel künftig bedienen.

1981: Die alten Traversen werden durch Beton ersetztMit dem Jahr 1980 erfolgte zum ersten Mal eine größere Sanierung der altehrwürdigen Spielstätte. Die alten Stehplätze, bestehend aus mit Schlacke & Erde hinterfüllten Stufen, wurden während des laufenden Spielbetriebes abschnittsweise durch breitere Betonstufen ersetzt. Die größte aller Baumaßnahmen erfolgte ab Mitte 1989. Die westliche Gerade erhielt unter viel Findigkeit und auch „Abzweigens von Baumaterial“ von SED-Funktionären mit großem himmelblauen Herz, ihr markantes schräges Tribünendach. Per Lastenhubschrauber der Sowjet-Armee flogen die Stahlträger vom Montageplatz am Sportforum über die Stadt und wurden auf der Fiwi zusammengesetzt. Der damalige OB und große FCK-Fan Dr. Langer soll die Beziehungen zu den sowjetischen Freunden mit ein bißchen Wodka angestoßen haben, was in Berlin auf größtes Mißfallen stieß. Er wurde gemaßregelt und zum Lehrgang im Parteilehrjahr verdonnert. An der Westseite verlor die Fischerwiese zwar ihre schöne Pappelumrandung, aber nun überspannte das neue Dach 540 Sitzplätze und 1.600 Stehplätze, womit der FCK der erste DDR-Verein mit überdachten Stehplätzen war. Die Tribünenweihe erfolgte am 22. Oktober 1989 mit einem 2:1-Heimsieg gegen Lok Leipzig. Im dazugehörigen Programmheft des Clubs heißt es:

Schon bei den letzten Heimspielen der Saison 1988-89 war der Beginn der Bauarbeiten in unserem Stadion unverkennbar. Nun fanden die umfangreichen Baumaßnahmen ihren Abschluß und ein Teil der Zuschauer kann künftig bei schlechtem Wetter auf den Regenschirm (zumindest während des Spiels) verzichten. Bei dieser Teilüberdachung wurde projektmäßig eine Lösung gewählt, die eine Erweiterung der überdachten Fläche in den kommenden Jahren möglich macht. Der Leitung des Fußballclubs ist es ein Bedürfnis, allen am Bau beteiligten Betrieben und deren Mitarbeitern herzlichen Dank für die erbrachten Leistungen zu sagen. Besondere Anerkennung verdienen die Initiativen und der hohe persönliche Einsatz von Dr. Eberhard Langer, Oberbürgermeister von Karl-Marx-Stadt [..].

1989: Die neue Haupttribüne ist fertigDie Realität war aber: Das Schmuckkästchen „Fiwi“ mit dem schicken Tribünendach sollte nur noch für eine Saison Heimstätte der Himmelblauen sein. Die politische Wende in der DDR brachte den fußballerischen Zusammenschluß mit der BRD. Die Saison 1990-91 wurde als Qualifikation für die 1. und 2. Bundesliga absolviert. Als Favorit galt tatsächlich der nunmehr als Chemnitzer FC spielende Club unter Kult-Trainer Hans Meyer, da man im Gegensatz zu anderen DDR-Klubs noch keine Spieler in den Westen abgegeben hatte. Aber die Saison endete am 25. Mai 1991 auf der Fischerwiese mit einem 2:2 gegen Halle und dem 5. Tabellenplatz. Damit war der CFC zwar direkt für die zweite Bundesliga qualifiziert, aber der Traum 1. Bundesliga war geplatzt.

Das Saisonende 1991 stellt einen fünfjährigen, schmerzlichen Abschied von der geliebten Gellertstraße dar, da die Auflagen des DFB einen Spielbetrieb im alten Stadion in den Bereich des Unmöglichen rückten (u.a. Flutlicht, neuer Sanitärtrakt, Spielertunnel). Den Forderungen der Fans zum Verbleib auf der Fischerwiese hielt man angebliche Sanierungskosten von über 10 Mio. DM entgegen, die man dort hätte investieren müssen. Andererseits wurden im Sommer 1991 für den Umbau des Sportforums für den Spielbetrieb der 2. Bundesliga 5 Mio DM von der Stadt Chemnitz bereitgestellt. Ab der Saison 1991-92 sollten sich auf dem Fiwi-Rasen nur noch die CFC-Amateure tummeln. Bis plötzlich 1996... aber halt, davon handelt der 3. Teil unserer Geschichte.

Bildquellen: Monatshefte des PSV Chemnitz, Programmhefte des FCK, Buch 100 Jahre Chemnitzer Fussball

» Zum Teil 4 unseres Fiwi-Specials
» Zum Teil 3 unseres Fiwi-Specials
» Zum Teil 1 unseres Fiwi-Specials