Südkurven-Protest: Augenzeugenberichte und Kommentar

08.04.2008, 11:48 Uhr | 1.245 Aufrufe
Dem nichtwissenden Beobachter bot sich am Samstag zum Heimspiel gegen den VFC Plauen in der Südkurve ein merkwürdiges Bild. Die bereits aufgehangenen Zaunfahnen wurden ca. fünf Minuten nach dem Anpfiff zur Hälfte nach oben gebunden und somit eingerollt. Zudem verließ ein Großteil der Fans den angestammten Platz unter der Anzeigetafel. Ein Protest. Aber gegen wen und warum? Etwa wegen dem blamablen 1:4 in Gera? In den anderen Blöcken des Stadions wurde genau dies vermutet und mit unverständlichen Kopfschütteln auf diese Aktion reagiert.

Zaunfahne der Brigade Süd in Halbzeit 1Der wahre Grund lag aber ganz woanders. Bereits vor Wochen hatte es im Internet einen Aufruf gegeben, am ersten Aprilwochenende einen bundesweiten Protesttag gegen den zunehmenden Sicherheitswahn in den Stadien und gegen Polizeiwillkür zu unternehmen. Auch in Chemnitz hatte man sich entschlossen, mit einem Transparent zu diesem Thema Stellung zu beziehen. Während des Spiels sollte ein Spruchband mit einem Zitat der österreichischen Autorin Marie von Ebner-Eschenbach - "Die glücklichen Sklaven sind die erbittertsten Feinde der Freiheit" - hochgehalten werden. Dazu kam es aber nicht.

Der zuständige Ordnungsdienst nahm am Samstag seine Sache ganz besonders genau. Jede Zaunfahne wurde penibel kontrolliert und mußte bis auf den letzten Millimeter ausgerollt werden. Bisher hatte stets ein Blick auf den ersten Meter ausgereicht. Dieser Kontrollwut fiel tatsächlich das geplante Transparent zum Opfer, aber gleichzeitig schoß man meilenweit über das geplante Ziel hinaus. Völlig überraschend und zum Entsetzen der Besitzer durften nämlich auch die altgedienten Zaunfahnen von PASI 85 und die kleine CS-Fahne der Chemschäler nicht mit ins Stadion.

Unter diesen Bedingungen entschloß sich die "Brigade Süd" zu einer spontanen Protestaktion, welche im Verlassen des Blocks unter der Anzeigetafel und dem halbseitigen Einrollen der Zaunfahnen bestand. Es war geplant, zur zweiten Halbzeit wieder in der Kurve zu erscheinen und den Club umso mehr nach vorn zu schreien. Doch auch dazu sollte es nicht kommen. Polizei zog vor der Fanhalle auf, um jenen Teil der Fans zu überwachen, die das Stadion verlassen hatten.

Die leere Südkurve in Halbzeit 2Bei der geplanten Rückkehr ins Stadion kam es dann zu tumultartigen Szenen am Treppenaufgang zu Block 6. Die rückkehrenden Fans sollten vor dem Betreten des Stadions erneut kontrolliert werden, was in einer wüsten Rangelei mit der dort postierten Polizei endete. Der Sieger bei dieser Schubserei hatte selbstverständlich grüne Uniformen an. Daraufhin wurden von den im Stadion verbliebenen Fans die letzten Fahnen in der Südkurve komplett abgenommen und das Stadion verlassen.

Der Vorfall wirft höchst unangenehme Fragen auf. Und zwar an ALLE beteiligten Seiten. An die Adresse der Südkurve darf die Frage gestellt werden, ob man mit diesem Protest die um das sportliche Überleben kämpfende Mannschaft nicht schwer im Stich gelassen hat. Der Verein sollte sich eine Antwort auf die Frage überlegen, ob er nicht besser gefahren wäre, auf die verschärfte Kontrolle zu verzichten und das insgesamt harmlose Transparent als Zeichen der Demokratie in der Südkurve einfach zuzulassen. Die Ordnungstruppe wiederum sollte eine Antwort darauf suchen, ob sie mit dem übereifrigen Verbot der zwei Zaunfahnen nicht zum eigentlichen Auslöser des ganzen Ärgers wurde. Und die Polizei darf ganz besonders scharf über den eigentlichen Anlaß des Protesttages und dessen ausdrückliche Bestätigung durch ihr eigenes Auftreten nachdenken.

Kommentar: Frank Neubert

Drei Meinungsäußerungen von direkt betroffenen Fans:

Michael Schwinge (PASI 85):

Diese altgediente Zaunfahne durfte nicht in den Block 6Seit nunmehr 30 Jahren besuche ich die Spiele vom FCK bzw CFC was da heute abging ist für mich an Respektlosigkeit, Überheblichkeit gepaart mit Arroganz nicht mehr zu überbieten. Da ich heute werktätig war übernahm ein anderer Fan der ebenfalls schon ewig zum FCK/CFC geht die Aufgabe das Banner (PASI 85) welches seit Jahren immer an der selben Stelle im Stadion an der Gellertstrasse hängt anzubringen. Auf dem Weg dahin kam es am Eingang zum Block zur Kontrolle durch den Sicherheitsdienst. Das Banner musste vorgezeigt werden und wurde mit den Worten "das kenne ich nicht" abgewiesen. Und hier beginnt der eigentliche SKANDAL. Selbst Hinweise dass dieses Banner schon immer im Stadion hang und es noch nie beanstandet wurde halfen nichts. Der Fan wurde, nach dem er seinen Unmut darüber erklärte, mit den Worten "du bleibst auch gleich draußen" einfach so abgebügelt. Der vom Sicherheitsdienst spielte sich auf in einer Art & Weise wie es nicht im Interesse des Vereins sein kann (oder doch???). Das Banner wurde dann von einem weniger arroganten Ordner am Eingang zur Gegengerade doch noch reingelassen und hing pünktlich zum Spiel am Zaun, wenn auch nicht an gewohnter Stelle.
Dem Sicherheitsdienstidioten sei gesagt das ich zum nächsten Spiel wieder selbst da bin und ihm wärmstens ans Herz lege mit mir so etwas nicht zu veranstalten!
Dem Verein sei gesagt bzw. empfohlen seinen Sicherheitsdienst zu überprüfen, denn schnell geht so ein Verhalten mal nach Hinten los. Bei einem anderen Sicherheitsdienst war man übrigens auch der Meinung, das es besser ist für den Verein nicht mehr arbeiten zu lassen. Genau das Gleiche wünsche ich mir für den Kunde vom Einlass!!!

Michael Spiegler (Chemschäler):

Auch diese bekannte Zaunfahne durfte nicht ins StadionSeit 9 Jahren gehe ich zu jedem Heimspiel und vielen Auswärtsspielen zum CFC, doch das was mir gestern passiert ist kann ich nicht einfach so runterschlucken. Ich wollte gegen 13.45 Uhr ins Stadion gehen und hatte natürlich wie immer das Chemschäler-Banner dabei. Diesmal nur das kleine, weil das große nicht bei mir hatte. Dieses kleine Banner ist ca. 5 Jahre alt und hing schon sehr oft im Stadion. Doch der Ordner hat sich das Banner genauer angeschaut und gesagt das sei heute verboten und ich solle zu Herrn Freudenthal (SKB) gehen. Auch der bestätigte mir, dass das Banner verboten ist. Eine Begründung wurde mir nicht geliefert, sondern nur der Satz "das brauch ich dir wohl nicht erklären". Dann habe ich gesagt, dass ich natürlich eine Erklärung haben möchte. Und da wurde mir gesagt, man könnte aus den Einzelnen Buchstaben Wörter bilden. Ich habe ihm dann erklärt, dass dieses CS für Chemschäler steht, ein Fanclub der seit 2001 besteht und wohl kaum als Ultra-nah anzusehen ist. Trotzdem blieb er bei seiner Meinung, dass dieses Banner verboten bleibt und ich es abgeben soll. Mal im Ernst, mir fällt kein Wort ein in dem nach einem C ein S folgt. Und erst recht keins in dem die beiden Buchstaben ineinander verschlungen sind.
Vielleicht kann man sich ansatzweise vorstellen wie man sich fühlt, von seinem eigenen Verein so enttäuscht zu werden, und das auch noch abseits der sportlichen Misserfolge. Ich bin seit Jahren teilweise ehrenamtlich (z.B. Fanarbeitskreis) und teilweise nebenamtlich (z.B. als Ordner bei der 2. Mannschaft) für den Verein da, und das obwohl es stetig bergab geht. Wenn es sich der Verein leisten kann, solch treue Fans zu verprellen, dann wird es auf kurz oder lang weiter bergab gehen. Ich sehe es als absolute Frechheit an, mich von einem angeblich "szenekundigen Beamten" mit einer solch fadenscheinigen Begründung wegschicken zu lassen. Und wenn man sich mit Worten dagegen zu wehren versucht, wird einem auch noch mit Rausschmiss gedroht von der "Sicherheitsfirma". Als ich das Banner wegschaffen wollte, traf ich zufällig Herr Rückert, den ich gefragt habe was diese Aktion soll. Der schaute sich das Banner an und ging mit mir zu Herrn Freudenthal. Nach Absprache wurde das Banner genehmigt. Doch all diesen Schwachsinn kann man sich ersparen, wenn im Vorfeld mehr Kommunikation betrieben wird mit den Fans. Das man dies von "unserem" CFC aber nicht erwarten kann, muss ich seit Jahren erfahren. Man hätte die strengeren Auflagen zu diesem Spiel beispielsweise dem Fanprojekt mitteilen können, so dass die Information vom Fanarbeitskreis in die Breite getragen werden kann. Mein Eindruck ist jedoch, dass der CFC unfähig ist mit den eigenen Fans einen vernünftigen Dialog zu führen und diesen Aufrecht zu erhalten. Stattdessen wird die gesamte Entscheidungsmacht in die Hände der Polizei gelegt, im blinden Vertrauen, dass die das schon regeln werden. Wenn an dieser Stelle nicht schnellstmöglich gehandelt wird, steht der CFC bald ohne wahre Fans da, die einen Großteil ihrer Freizeit opfern, seien es nun Normalofans wie ich oder Ultras.

Polizei im Aufgang zum Block 6 Ronny Licht (UC '99):

Als die Protestler in Halbzeit zwei das Stadion betreten wollten und sich ruhig von der Security kontrollieren ließen, stürmte plötzlich die Polizei den Treppenaufgang und kesselte die Hälfte der Protestler ein. Dem Rest wurde der Zutritt zum Stadion verweigert. Weiterhin versuchten die Beamten, in den Block 6 einzudringen, was von den Fans aber verhindert wurde. Um die Sache nicht noch weiter eskalieren zu lassen, beschlossen wir, den Block Richtung Fanhalle zu verlassen. Unter Tritten und Beschimpfungen der Beamten durften wir dann gehen.
Vor der Halle stürmte plötzlich die "Elite"-Truppe BFE (Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit) den Parkplatz vor der Fanhalle und schlug unvermittelt auf herumstehende Leute ein. Es waren zu diesem Zeitpunkt wohlgemerkt keinerlei Anzeichen von Aggression oder Angriffen gegen die Staatsmacht zu erkennen! Aus meiner Sicht ist es dem besonnenen Verhalten vieler Fans zu verdanken, dass die Situation dort nicht weiter eskalierte.

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