Fischerwiese 2.0 - der Stadtrat stimmt ab - unser Vorbericht

04.10.2011, 09:00 Uhr | 589 Aufrufe
Am 5. Oktober entscheidet der Chemnitzer Stadtrat über das Konzept des CFC und Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig zu einem Neubau der Fischerwiese. Wir haben dazu noch ein paar Fakten zusammengetragen.

Um was geht es

Derzeit darf der Chemnitzer FC nur mit einer Ausnahmegenehmigung im Stadion an der Gellertstraße spielen. Der DFB verlängert diese nur für eine weitere Spielzeit, wenn deutlich ist, dass die Forderungen umgehend behoben werden – konkret: Baumaßnahmen sind sichtbar. Knackpunkt sind vor allem 1.000 fehlende Sitzplätze sowie einige sicherheitsrelevante Anforderungen. Diese Missstände wären mit ca. 2,5 Mio. EUR zu beheben. Es blieben aber einige zurzeit noch optionale Anforderungen offen sowie der teils marode bauliche Zustand des Stadions erhalten. Deshalb favorisieren der CFC und die Oberbürgermeisterin einen Neubau am jetzigen Standort der Fischerwiese.

Das Neubau-Konzept

Das Modell der neuen FischerwieseFür grob veranschlagte 23 Mio. EUR soll die jetzige Fischerwiese schrittweise abgerissen und als modernes Stadion neu aufgebaut werden. Die neue Arena würde rund 15.000 Plätze haben, alle wären überdacht. Es gäbe rund 6.300 Steh-, sowie 7.900 Sitzplätze und 770 Logensitze. Das neue Stadion wäre nach aktuellem Empfehlungsstand des DFB gebaut, enthielte also unter anderem die geforderten Sanitäreinrichtungen für Zuschauer und Mannschaften, Rettungswege, Räume für Medien und Ordnungsorgane sowie elektronische Anzeigetafeln und einen zeitgemäßen VIP-Bereich. Die genannten Baukosten soll die stadteigene Wohnungsverwaltung GGG tragen und Eigentümer des Grundstücks sowie des Stadions werden. Die Stadt würde dann für einen Betrag von geschätzten 2 Mio. EUR pro Jahr die Arena 20 Jahre lang mieten und dem CFC vorerst kostenfrei zur Verfügung stellen. Die Betriebskosten müsste der CFC komplett allein schultern, ab Liga 2 sich auch an der Miete beteiligen.

Pro und Contra

Natürlich polarisiert das Thema Stadionbau. Der CFC versuchte unter anderem mit Werbung in Radio und Zeitung, einer Unterschriftensammlung, Einladen der wankelmütigen Stadtratsfraktionen in die Fischerwiese (alle bis auf die Grünen kamen) die Chemnitzer für das Projekt zu gewinnen. Als Vertretung der Fans hat sich die AG Faninteressen gebildet, die die oben genannten Aktionen maßgeblich mit begleitet hat. Natürlich gibt es für das Projekt auch viel Gegenwind, wobei sich die Stadtratsfraktion der Grünen besonders als Windmaschine erwies und ihrerseits in der Presse oder bei einer Kundgebung letzten Samstag ihre Kontrahaltung demonstrierte. Auch für den Mittwoch haben federführend die Grünen zu einer Gegenveranstaltung geladen. Die Argumente der Stadiongegner, dass sich die Stadt ein solches Stadion derzeit nicht leisten könne, sind emotional nachvollziehbar. Schließlich hatte der Stadtrat nach langen, harten Diskussionen erst das sogenannte Entwicklungs- und Konsolidierungskonzept (Ekko) mit vielen Einspar- und Verteuerungsmaßnahmen beschlossen. Da passt ein Projekt, dass der Stadt zusätzlich etwa 2 Mio. EUR Mehrkosten in den nächsten 20 Jahren einbringt, schlecht ins Bild.

Andererseits werden für ein solches Projekt nie genügend Mittel in einem Kommunalhaushalt vorhanden sein. Leider müsste die Kommune die Kosten allein tragen, weil sich anders als andere Bundesländer Sachsen nicht am Sportstättenbau für Profifußballvereine beteiligt (noch in der Regionalliga wäre also eine Förderung möglich gewesen!). Der CFC kann natürlich das Baukapital nicht aufbringen und die Wirtschaft der Region ist zwar stark, aber nicht stark genug, um sich neben dem bestehenden Sponsoring für den CFC und die vielen weiteren Vereine (!) der Region auch noch an den Baukosten beteiligen zu können. Bernd Helmich, Generalintendant der Theater Chemnitz argumentiert: „Zu einer Großstadt gehört ein zeitgemäßes Stadion gleichermaßen dazu wie ein Theater.“ Heißt also, eine Kommune muss sich entscheiden, ob sie sich einen hochklassigen Fußballklub oder ein renommiertes Orchester auch in Zeiten knapper Kassen leisten möchte – egal, wie das dann finanziert wird. Und der CFC hat jetzt die sportlichen Argumente sowie den Bedarf für das neue Stadion, um eine Zukunft zu haben. Denn der CFC wäre nicht der erste Verein, der an einem maroden Stadion zu knabbern hätte, wie am 02.11.07 Christoph Biermann bei SPIEGEL Online schrieb: „Der fünffache Deutsche Meister (Anmerk. d. Autors: gemeint ist Borussia Mönchengladbach) verlor im vergangenen Jahrzehnt auch deshalb sportlich den Anschluss, weil er am Bökelberg nicht mehr genug Geld einnahm. Wer also ein Stadion baut, sichert bei seriöser Finanzierung die Zukunft des Clubs.“

Der Stadtrat

Der Chemnitzer Stadtrat in seiner heutigen Zusammensetzung wurde durch die Chemnitzer Einwohner am 07. Juni 2009 gewählt. Die verfügbaren 60 Sitze verteilen sich auf folgende Fraktionen:
  • CDU: 15 Sitze
  • SPD: 14 Sitze
  • Die Linke: 14 Sitze
  • FDP: 8 Sitze
  • Bündnis 90/Die Grünen: 4 Sitze
  • PRO CHEMNITZ: 3 Sitze
  • Fraktionslose Mitglieder: 2 Sitze
Das 61. Mitglied des Stadtrates ist Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig, die auch den Vorsitz inne hat. Die vom Stadtrat zu fassenden Beschlüsse werden von der Stadtverwaltung durch Verhandlungsunterlagen vorbereitet. Grundsätzlich wird einmal im Monat getagt. Darüber hinaus gibt es 8 Fachausschüsse, denen der Stadtrat Aufgaben zur Beschlussfassung übertragen hat und die vorberaten, welche Themen im Stadtrat zu entscheiden sind.

Die Abstimmung

Am 05. Oktober 2011 ab 15 Uhr trifft sich der Chemnitzer Stadtrat zur Sitzung. Auf der 9 Punkte umfassenden Tagesordnung steht als Punkt 7.1 der „Grundsatzbeschluss zum Umbau des Stadions an der Gellertstraße“. Es folgen 16 weitere Beschlüsse u.a. zur Satzung von Chemnitz, Bebauungsplänen und Personal kommunaler Organe und Einrichtungen. Leidenschaftliche Diskussionen sind auch bei den Punkten 5 („Informationen der Oberbürgermeisterin“) und Punkt 6 („Fraktionserklärungen aus aktuellem Anlass“) zu erwarten. Zusätzlich hat die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen angekündigt, einen Änderungsantrag zu Finanzierung des Stadionumbaus einzubringen. Demnach sollen dem CFC einmalig maximal 2 Mio. EUR bewilligt werden, um die nötigsten Anforderungen des DFB zu erfüllen. Das Ergebnis der Abstimmung scheint völlig offen. Bisher hat sich die Fraktion von PRO CHEMNITZ (3) als komplette Befürworter des Konzepts und die Fraktion der Bündnis 90/Die Grünen (4) als absolute Gegner bekannt. In den anderen Fraktionen haben die Ratsmitglieder höchst unterschiedliche Meinungen zum Thema.

Die Arena

Die Abstimmung wird im Stadtverordnetensaal des Chemnitzer Rathauses stattfinden. Er ist der größere von 2 Sitzungssälen im Komplex aus altem und neuem Rathaus am Neumarkt. Raumprägend sind die hölzernen Wandvertäfelungen, die großen Bleiglasfenster sowie die 22 leicht geschwungenen Tische, an denen die Stadträte Platz nehmen. Blickfang, geradewegs vor den Augen der Räte, ist jedoch das Leinwandgemälde „Arbeit-Wohlstand-Schönheit“ von Max Klinger über dem Präsidiumspodium. Als zweiter Blickfang erweist sich das seit dem 07. September an der Galerie Roter Turm befestigte Plakat „Lasst uns nicht im Regen stehen!“, welches die Stadträte beim Blick aus dem Fenster direkt anlächelt. Der komplette Saal mit seinem Inventar wurde von Juni 2009 bis Dezember 2010 aufwändig restauriert und mit neuer, elektronischer Abstimmungstechnik ausgestattet. Neben den Sitzen für Stadträte und Präsidium gibt es noch Plätze für Journalisten sowie 70 Zuschauer auf der Empore. Übrigens: Das Neue Rathaus wurde 1911 auch in einer Zeit erbaut, in der das Geld knapp war und Investitionen für andere Dinge wir Krankenhäuser, Straßen, etc. wichtiger gewesen wären. Aber es wurde auch ein Symbol für den Aufbruch in Chemnitz.

Personalien nach der Entscheidung

Sollte der Stadtrat für den Stadion-Neubau stimmen, wird im Kulturbeirat der Stadt Chemnitz demnächst ein Platz frei. Holm Krieger, Gitarrist und Sänger beim Duo "Solche", kündigte am 30. September in der Morgenpost für diesen Fall seinen Rücktritt an: „Durch die Kürzungen im Sozialbereich wollte OB Barbara Ludwig offenbar Mittel freibekommen, um medienwirksame Projekte wie das Stadion im Sinne ihrer Wiederwahl 2013 zu verwirklichen.“

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