Spielbericht // Saison 2001/2002

 
FC Erzgebirge Aue
FC Erzgebirge Aue0:3Chemnitzer FC
Chemnitzer FC
9. Spieltag - Regionalliga Nord - Saison 2001/2002
Samstag, 22. September 2001, 14:00 Uhr
Erzgebirgsstadion, Aue
Zuschauer: 8.800
Schiedsrichter: Minskowski (Hanstedt)
FC Erzgebirge AueTorfolgeChemnitzer FC
T Böhme
A HasseGelbe Karte
A Noveski
A Grund (63. Sionko)
M HeidrichGelbe Karte
M Tomoski
M KurthGelbe Karte
M Jendrossek
M Müller
S Jank (63. Dreyer)
S Kunze (72. Brom)

Trainer: Schädlich
0:1 Meissner (54.)
0:2 Tchipev (81.)
0:3 Fröhlich (89.)

T Hiemann
A Göhlert
A BittermannGelbe Karte
A RatkowskiGelbe Karte
A Schmidt
M Podszus
M Tchipev
M Mehlhorn
M FröhlichGelbe Karte
S MeissnerGelbe Karte (88. Walther)
S KriegGelbe Karte (83. Rolleder)

Trainer: Schulz
Spielbericht

CFC verjagt lilanen Albtraum mit historischen 3:0-Paukenschlag

Von Frank Neubert

Es ist vollbracht !!! Das Spiel des Jahres, welches von vielen Fans wichtiger als irgendwelche Tabellenplätze angesehen wurde, ist von den Himmelblauen klar und deutlich mit 3:0 gewonnen worden. Auf dem Rasen des Erzfeindes aus Aue, wo man seit 1989 nicht mehr gewinnen konnte, feierten der CFC und seine 3.000 mitgereisten Fans einen historischen Auswärtssieg. Nach verschlafener erster Halbzeit schlug der CFC eiskalt zu und nahm späte Rache für die in den Jahren 96-99 erlittenen, albtraumhaften 0:1-Niederlagen im Lößnitztal. Klasse Jungs - dafür ein fettes Sonderlob von allen himmelblauen Fans und ganz besonders vom Team der CFC-Fanpage !!!

Es war kein normales Fußballspiel, nein, es war einfach mehr. Viel mehr sogar. Es war eine Frage der Ehre, eine Frage der Rivalität, eine Frage der sächsischen Vorherrschaft, eine Frage der besseren Fans, der Tradition, und noch vieles mehr. Schon vornweg war klar, das der Verlierer mehr als nur die Gegentore aufs Konto bekommen würde. Spott, Häme und einen moralischen Knacks gab es gratis dazu.
1999 hatten die CFC-Fans "Wir fahren nie mehr nach Aue" gesungen, froh darüber, der damaligen Regionalliga entkommen zu sein. Nun mußte man wieder zum erklärten Erzfeind nach Lößnitz und die Auer Fans spotteten mit einer großen Zaunfahne "Ganz Aue lacht - Willkommen im Schacht" über die himmelblauen Wiederkehrer. Manche CFC-Fans ließen sich aber die Ehre nicht nehmen, den Wortlaut "Nie fahren nie mehr nach Aue" in die Tat umsetzen und die knapp 30km einfach zu laufen. Klasse Aktion, an der sich viele Fanclubs, darunter auch die Clubsurfer, beteiligten. Anhand dieser kleinen Nebengeschichten mag erahnbar sein, welche Dimensionen dieses Spiel beherbergte.
Beim Chemnitzer FC waren weiterhin Hauptmann und Renn verletzt, so daß wieder die erfolgreiche Besetzung mit Göhlert als Libero und Podzus als Rechtsaußen antrat. Auf Auer Seite fehlte der dauerverletzte Tetzner, mit dem in der Halbzeitpause ein interessantes Interview geführt wurde. Die Auer hatten zuletzt in Uerdingen verloren, wogegen der CFC zu Hause gegen Braunschweig souverän gewinnen konnte.
Im gesamten Lößnitztal und vor allem am Gästeeingang wie gewohnt Stau, für die 3.000 mitgereisten Himmelblauen standen nur 3 Ordner zur Leibesvisitation bereit - einfach schwach. Neben den Autofahrern steckte auch der CFC-Bus im Lößnitzer Stau fest, so daß die Mannschaft erst 20min vor Anstoß das Stadion erreichte. Dies war mit 8.800 Zuschauern gut gefüllt und wie später berichtet wurde, auch frisch gereinigt, da über Nacht ein paar himmelblaue Enthusiasten CFC-Verzierungen vorgenommen hatten ;o).

Beim Einlaufen der Mannschaften gab es bei beiden Fangruppen nette Intros, wobei die Chemnitzer erwartungsgemäß mehr beeindrucken konnten. Zum ersten Mal wurde die riesige Blockfahne der Ultras entrollt (20x9m), und oben auf dem Chemnitzer Block wehte der Schriftzug "Endlich wieder 3. Liga...". Das dabei aus organisatorischen Gründen das Anhängsel "...endlich wieder dumme Gegner" fehlte, fiel fast gar nicht auf. Die Auer hatten nicht mehr als ein Hochhalten von weißen Papptäfelchen zu bieten, daß dort einige lilane Pappen dabeigewesen sein sollen, wurde auch erst hinterher bekannt.

Die erste Halbzeit begann mit einem verhaltenen CFC, der dem munteren Spielchen der Auer außer kompromißloser Deckungsarbeit wenig entgegensetzen konnte. Die Auer bewiesen wenig Respekt und schufen sich vor allem im Mittelfeld ein Übergewicht. Vor allem Libero Hasse schaltete sich oft über rechts und in der Mitte in die Offensivbemühungen ein und organisierte zusammen mit Tomoski und später auch Jendrossek das Spiel der Auer Mannschaft. Aber die CFC-Abwehr um den jungen Göhlert und stand sicher und ließ nur wenige wirklich brenzlige Situationen zu.
Auf den Rängen stimmgewaltiger Support aus der Chemnitzer Ecke, die altbewährtes Liedgut wie "1-2-3, der Schacht ist eingestürzt", aber auch neue Kreationen wie "Wer war Sieger, die ganzen Jahre..." darbot. Von Auer Seite ertönte das traditionelle "Aue-Aue"-Gebrüll unter dem Tribünendach.
Auf dem Rasen verhärteten sich nun die Fronten und beide Seiten gingen ruppiger zur Sache. Hasse läßt Tchipev über die Klinge springen und kassiert zu Recht die gelbe Karte. Kurz danach läßt sich der kampfstarke Ratkowski nicht lumpen und säbelt Hasse um. Wieder Gelb. Denn fälligen Freistoß drischt Hasse aus 25m fulminant auf Hiemanns Tor, der den Ball erst beim zweiten Zupacken in den Griff bekommt. Die Auer kamen nun auf den Geschmack und erspielten sich weitere Chancen. Nach einer Ecke flankt Tomoski kurz in den Strafraum und Kunze setzt den Ball per Kopf neben das CFC-Tor.
Der Schiedsrichter pfiff in dieser Phase sehr oft Freistöße für den FCE, jedoch behielt er die "Pfeifrichtung" in der zweiten Halbzeit bei, so daß sich kleine Benachteiligungen später ausglichen. Der CFC war viel zu viel mit Abwehrarbeit beschäftigt, und wenn man den Ball besaß, wurde dieser zumeist leichtfertig im Mittelfeld wieder vertändelt oder zu ungenau nach vorn gespielt. Außer einem Fernschuß von Mehlhorn war nichts Zählbares zu vermelden. Selbst der ansonsten gut aufgelegte Fröhlich war nicht zu sehen. Das Spiel besaß in der ersten Halbzeit den typischen Charakter der alljährlichen 0:1-Standardklatsche. Und Aue blieb weiterhin am Drücker, vor allem Jendrossek taute auf. Ein Zusammenspiel von Kunze und Jank bringt die gefährlichste Situation der ersten Halbzeit, als Jank aus 10m trocken auf Hiemanns kurze Ecke abzieht - gehalten.
Die Verbalschlacht auf den Rängen ging bis zur Halbzeit munter weiter. In die Luftholpausen der Auer Fans zwischen den "Aue-Aue"-Rufen fügten die Chemnitzer nun ein donnerndes "Schweine" ein, die Bahnhofsmission wurde bemüht und auch "You never walk alone" zelebriert. Auf dem Rasen stemmten sich die Himmelblauen aufopferungsvoll gegen den lilanen Erzfeind, allen voran Ratkowski und Bittermann, welche auch rustikale Mittel nicht scheuten. Pünktlich nach 45min pfiff der Schieri zur Pause, wobei das 0:0 leidlich gerecht war, da den Auern gegen das himmelblaue Bollwerk einfach nix Konstruktives einfallen wollte.

In der Halbzeit folgte dann ein Interview mit Tetzner, den man im Chemnitzer Lager im Gegensatz zu Jendrossek als Verräter betrachtet. Angebot vom CFC ausgeschlagen, um angeblich weiter in der zweiten Liga zu spielen, bei Mannheim "keinen Spass beim Training" empfunden und dann nach Aue gegangen. Grund genug für himmelblaue Abneigungen. Im Interview machte sich Tetze auch keine neuen Freunde in Aue, als er sein Angestelltenverhältnis beim FCE betonte und eben sein Geld einfach mit Fussball verdiene. Glück für ihn war, daß das himmelblaue Lager durch die schlechte Beschallung fast nix von ihrem "Liebling" mitbekam, ansonsten hätte es Pfiffe ohne Ende gehagelt.

Die zweite Hälfte begann wieder mit Intros beider Fangruppen. Die Auefans rollten jetzt Papierbahnen von oben nach unten aus, ganz netter Anblick. Und die CFC-Fans präsentierten auf dem Zaun ein fettes Transpi mit sinngemäßen Wortlaut: "WoKo - ist der Arsch von Leo auch schön warm !?", als Anspielung auf die Abschiebung des ehemaligen CFC-Hofberichterstatters der Chemnitzer Morgenpost zum Gebirgsverein. Kurz darauf stieg von Chemnitzer Seite der erste Rauch auf, der sich in dicken Schwaden Richtung Gästeeingang verflüchtigte. Lobend sei hier die Zurückhaltung der Polizei erwähnt, die dem bunten Treiben auf den Rängen gelassen zuschaute. Wenige Minuten später ließen sich dann auch die Auer nicht lumpen und setzen ihrerseits ordentliche Nebelschwaden unter das Tribünendach, von dem sich dann eine wabernde Wand über das Spielfeld zog. Ein fast italienischer Moment im Derby.
Gespielt wurde natürlich auch, und das zur Freude der himmelblauen Fans mit umgekehrten Vorzeichen. Von der Pause weg ging der CFC im Mittelfeld endlich aggressiver zu Werke und verschaffte sich schon nach kurzer Zeit leichte Feldvorteile. Aber erst durfte nochmal Aue ran - Mehlhorn wird links überspielt, doch Heidrich spitzelt die Flanke neben den Kasten ins Toraus. Jetzt endlich der CFC im Angriff. Fröhlich wird links gelegt, ein Pfiff, und Mehlhorn führt den Freistoß sehr schnell aus. Der Ball fliegt nach innen, der Auer Keeper zögert, Meissner gewinnt das Luftduell gegen den unbeholfenen Noveski - und eine herrliche Kopfball-Bogenlampe landet im Tor der Erzgebirger. Jetzt der Urknall im Gästeblock - die Führung kam total überraschend, und sie war Ventil für monatelangen aufgestauten Fußballfrust. Den Torschrei der himmelblauen Fangemeinde muß man bis nach Chemnitz gehört haben. Riesige Jubelorgien in den zwei proppevollen Gästeblöcken - ein kollektiver Orgasmus in Himmelblau.
Aue jetzt sichtbar geschockt, zu sehr hatte man sich wohl auf einen sicheren Sieg gegen die Nischelstädter eingeschworen - und nun dies. Das vermeintliche Fallobst aus der zweiten Liga hatte eiskalt zugeschlagen. Schädlich wechselte, innerhalb von 10min kamen drei neue Leute ins Auer Spiel, letztlich ohne entscheidende Wirkung. Der CFC nun oben auf, die Abwehr stand sicher und Tchipev schwang sich in einer Synthese aus Technik und Kampf zum besten Saisonspiel auf. Und nochmal wurde es ruppig - Kurth klärt gegen Ratkowski mit gestreckten Bein, worauf Bittermann hinzueilt und den Auer vor sich her schubst. Derbystimmung pur, und die Fans fielen sofort mit Sprechchören ein. Gelb für Beide.
Es blieb dabei, die Chemnitzer jetzt viel stärker im Mittelfeld und Aue einfach ideenlos und außer Jendrossek viel zu pomadig. Meissner und Fröhlich konnten immer mehr dem Spiel ihren Stempel aufdrücken. Die nächste CFC-Chance entstand aus einem Zusammenspiel der beiden, Meissner schießt (oder flankt?) knapp neben das Tor. Aues Keeper Böhme schmiß danach seine Mütze weg, weil er wegen der Sonne wohl wenig sehen konnte - sofort setzten die netten Fliegenfänger-Sprüche der himmelblauen Kurve ein.
Nun unschöne Szenen aus beiden Fanlagern - ein paar Leuchtraketen stiegen auf. Der Auer Block war besonders daneben, da mehrere Raketen auf das Spielfeld (!!) abgefeuert wurden, wobei man beinahe Hiemann im Chemnitzer Tor getroffen hätte. Einfach nur schlecht und total bekloppt.
Zurück zum Fußball - der eingewechselte Brom hat nach langen Pass von Hasse die Chance zum Ausgleich und nimmt direkt an, doch sein Schuß fliegt weit über dem Chemnitzer Kasten. Die CFC-Fans ließen sich nun zur Blockuffta nieder - ca. 1.000 Fans machten mit und zeigten den staunenden Auern, was man in der zweiten Liga alles so gelernt hat. Der Club riss die Auer nun über die Flügel auf, Podzus und Fröhlich kurbelten jetzt den Angriff an. Dann Ecke von rechts, der Ball kommt zu Schmidt, der mit einem wuchtigen Kopfball Heidrich an den ausgestreckten Arm köpft. Der Schieri wartet noch den erfolglosen Nachschuß ab und pfeift dann völlig berechtigt Elfmeter für den CFC. Kurze Spannung wer schießt, doch dann läuft Tchipev an und verwandelt sicher zur 2:0-Führung. Unglaubliche Jubelszenen im tobenden himmelblauen Block, ja sollte der unausgesprochene Traum vom Sieg im Schacht tatsächlich Wirklichkeit werden!?
Die Fans nun schwer am Feiern, "Absteiger" sang man den Auern freudetrunken entgegen. Die Auer sahen dies wohl ähnlich und verließen bereits in großen Scharen das Stadion. Für Krieg kam nun Nachwuchstalent Rolleder ins Spiel, welcher sich sogar eine feine Chance erarbeitete - nur hätte der junge Mann selber schießen müssen, anstatt abzugeben. Der CFC-Block schwelgt in "You never walk alone...". Und der CFC greift nochmal an, Flanke von links, der kleine Fröhlich steigt im Strafraum hoch und plötzlich zappelt der Ball schon wieder im Wismutnetz. Die Auer Abwehr und Keeper Böhme hatten erneut gepennt. Die Chemnitzer Fans jetzt endgültig im siebten Himmel - Freudentränen glänzten. Nach den vielen, nahezu unendlichen Demütigungen des letzten Jahres ein solch historischer Triumph - die Mannschaft versöhnte ihre Fans in zauberhafter Weise. Denn Schlußpunkt setzte dann Mehlhorn mit einem knapp am Tor vorbeisegelnden Freistoß, welcher beinahe noch das 0:4 gebracht hätte.

Dann war Schluß im Derby und die CFC-Spieler feierten den spektakulären Auswärtssieg ausgiebig in der himmelblauen Fankurve. Mehrere La´olas wurden abgefeiert und selbst danach machten ein paar Spieler noch spontan weiter. Die anderen tummelten sich schon im Freudenbad am Zaun, welches von Fans und Spielern genüßlich ausgekostet wurde. Später sagte Chefcoach Schulz, daß er diesen Sieg vor allem den Fans widme, die im letzten Jahr sehr oft schlechten Fußball gesehen und trotzdem treu zum Verein gehalten hätten. Auch den Spielern war anzumerken, daß sie sich über den starken Support echt gefreut hatten. Ein besseres Dankeschön als diesen deutlichen Sieg konnten sie den vielen Fans nicht bereiten. Selbst 10min nach dem Spiel waren die himmelblauen Blöcke immer noch sehr gut gefüllt, denn jeder spürte, bei einem himmelblauen Meilenstein dabeigewesen zu sein.

Fazit: Der CFC hat sich bei seinen Fans ein riesiges Stück Kredit zurückgeholt. Nicht nur die schmerzliche letzte Saison wurde etwas vergessen gemacht, sondern auch der Fehlstart in die dritte Liga. Etwas Besseres, als ein demütigendes 3:0 für den Erzfeind auf dessen eigenen Platz, kann man seinen Fans nicht mehr bieten. Nach dem Aufwärtstrend gegen den BTSV scheinen die Himmelblauen unter Matthias Schulze nun auf dem rechten Wege zu sein. Vor allem der läuferische und kämpferische Einsatz können beeindrucken, es ist ein fester Wille erkennbar. Vier Punktspiele, davon 3 Siege - Hut ab, Cheftrainer Schulle. Wenn jetzt mit breiter Brust gegen Wattenscheid noch ein Heimsieg nachgelegt werden könnte, rückt sogar das Saisonziel (Platz 6 aufwärts) wieder in greifbare Nähe.

Wertung: 2 (vor allem für die 2.Halbzeit)

Beste Himmelblaue: Tchipev, Meissner, Bittermann


Pressestimmen

Freie Presse
Drei Tore in Aue - Herzen der Fans erobert

Freie Presse/Lokalteil Aue
Aue: Hohn und Spott in Himmelblau"
"Ein Heim-Debakel, das sich die Mannschaft des FC Erzgebirge Aue mit einer desolaten Vorstellung fast über die gesamte zweite Hälfte selbst zuzuschreiben hat.

Kicker
Kay-Uwe Jendrossek schämte sich seiner Tränen nicht.

Chemnitzer Morgenpost
Aue gammelte vor sich hin - CFC traf!"
"Jendrossek heulte!"

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