CFC-Gastspiel beim Ex-Erstligisten am Abgrund...
von Timo Görner
...denn Alemannia Aachen, noch 2007 in der 1. Bundesliga spielend, kämpft gleich an zwei Fronten um das Überleben. Doch sowohl sportlich als auch finanziell stehen die Zeichen eher schlecht. Nach dem Abstieg aus der Zweiten Liga droht der "Durchmarsch" in die Regionalliga.
Die aktuelle Saison unseres Gegners bislang
22 Akteure, darunter einige Stammspieler, hatten den Verein nach dem Abstieg verlassen und das Team stand vor dem Neuaufbau. Das Ziel "Wiederaufstieg" wollte man deshalb auch nicht richtig in den Mund nehmen. So gesehen schlug sich die neu zusammengestellte Mannschaft um verbliebene Kicker wie Albert Streit und Sascha Rösler in der Startphase bei 8 Zählern aus 4 Spielen ordentlich, blieb ungeschlagen und wandelte 3x ein 0:1 noch in Punkte. Doch das blieb ein Strohfeuer: Von Spieltag 8 bis 11 kassierte Aachen 4 Niederlagen am Stück und schon wurde aus dem guten Starter ein Kellerkind. Trotz Aufbauhilfe durch den CFC (2:1) gelang die Befreiung aus der Abstiegszone nicht. Aus 20 Spielen der Herbstrunde 2012 wurden 19 Punkte geholt, dabei nur 4 Spiele gewonnen. Nach Chemnitz fuhren die Schwarz-Gelben überraschend noch einen Sieg gegen Bielefeld (2:1) zum Abschluss 2012 ein. Der "Tivoli" war keine Festung mehr: Unterhaching, Offenbach (1:3), Halle (0:3) punkteten. Pleiten in Stuttgart beim Aufsteiger (1:3) und in Babelsberg (0:1) "rundeten" das negative Bild ab.
Als die Alemannia gegen Bielefeld sportliche Hoffnung verbreitete, war die zweite große Baustelle längst eröffnet: Ende Oktober 2012 wurden massive finanzielle Probleme ruchbar, es fehlten akut 2 Millionen EUR. Ende November stand der Insolvenzantrag beim Fehlbetrag von 4,5 Millionen EUR. Der Kader für 2013 blieb ungewiss, da Abgänge weiterer Stammspieler zu erwarten waren und eintraten. Die Lücken konnten nur durch U23-Spieler gestopft werden. Ziel blieb das Überleben - sportlich der Klassenerhalt, finanziell das Vermeiden der Insolvenz. Herkules-Aufgaben, die aus eigener Kraft nicht mehr zu stemmen sind.
Noch Hoffnungsvoll verlief der Auftakt 2013. Saarbrücken (2:0) wurde als Abstiegsmitkonkurrent geschlagen - der zweite Sieg in Folge. Punktgewinne in Dortmund (0:0) und Offenbach (1:1) ließen optimistisch bleiben und eine kleine Serie starten. Doch zuletzt zeigte sich die Tendenz wieder abstiegsreif. Fünfmal wurde in den letzten 6 Spielen verloren, dabei kein Zähler aus den vier Spielen vor dem Wochenende gezeitigt. Frustrierend, weil mehr drin war: Knapp geschlagen in Unterhaching (0:1), gegen Babelsberg im "6-Punkte-Spiel" in Minute 90 das 1:2 kassiert. Gut verkaufte man sich auch in Münster (1:4), war dem 1:0 näher als der Gastgeber. Gleiches Bild in Burghausen (0:2) - gut begonnen, Chancen nicht genutzt, Rückstand, Niederlage. Den angeschlagenen Verein plagen zudem personelle Probleme. 6 Kicker sind verletzt, darunter die Routiniers Michael Melka (Tor), Thomas Stehle (Abwehr), Florian Müller (Mittelfeld) und Sascha Rösler (Angriff). In Münster und in Burghausen stand mit Sven Schaffrath (28) der Co-Trainer der II. in der Anfangself. Obendrauf kommen auch noch 2 Punkte Abzug aufgrund der Verstöße bei der Lizenzierung. Nach dem CFC stehen 3 mit den Gastspielen in Darmstadt und Erfurt sowie dem Heimspiel gegen Rostock vorentscheidende Spiele an.
Die Heimbilanz ungenügend, Alemannia stellt das drittschlechtestes Kollektiv mit 4 Siegen und 7 Niederlagen. Mehr Gegentore (25) im eigenen Stadion hat nur Unterhaching kassiert. Auswärts sieht es mit zwei Dreiern leicht besser aus (14.). 28:44 Tore stellen Offensive und Defensive ein "genügend" aus.
Im Landespokal steht Aachen im Halbfinale gegen Verbandsligist FC Wegberg-Beeck.
Delegierungen seit dem Hinspiel
6 Akteure sind nicht mehr dabei, dafür wurden 8 eingebaut.
In der Abwehr wechselte Fabian Baumgärtel (23) zu den Stuttgarter Kickers, bzw. wurde von Greuther Fürth "neu verliehen". Der Nigerianer Seyi Olajengbesi (32), neben Albert Streit einer Eckpfeiler der neuen Saison, nahm ein Angebot von Zweitligist Sandhausen an. Kai Schwertfeger (24) zog nach Karlsruhe. Mittelfeldmann Christian Weber (28) ging zu Fortuna Düsseldorf II und Albert Streit (32) zum ambitionierten Regionalligisten Viktoria Köln. Der Schwede Freddy Borg (29/Angriff) wechselte nach Darmstadt. Mit Baumgärtel, Olajengbesi und Schwertfeger hat fast die komplette Abwehr den TSV verlassen. Mit Streit ging der Spielgestalter und die Führungsfigur. Borg war nur zeitweise Stammkader. Weber spielte keine große Rolle.
Aufgrund der finanziellen Probleme war kein adäquater Ersatz möglich. Die Neuzugänge kommen allesamt aus dem eigenen Verein, sprich II und A-Jugend. Von denen konnten sich 3 etablieren: In der Abwehr der Bosnier Sasa Strujic (21) und Robert Wilschrey (23) sowie im Mittelfeld Armand Drevina (19). Mit den Abgängen und den Neuzugängen ging ein deutlicher Substanzverlust einher. Ende Januar untersagte der DFB der Alemannia zwei ganz vielversprechende Transfers mit dem Österreicher und bis Juli 2012 Hoffenheimer Andreas Ibertsberger (30/Duisburg) und Nils Zander (20/FC Schalke 04 II). Beide waren für die arg gebeutelte Abwehr gedacht.
Der Trainer
René van Eck (47) betreut die 1. Mannschaft seit dem 10.09.2012. Er hat die ungemein schwere, aber auch durchaus reizvolle Aufgabe zumindest auf dem Rasen das "Wunder Klassenerhalt" mit zu realisieren. Sein Vertrag läuft noch bis Ende der Saison 2013/2014.
Die Mannschaft
Aktuelle Nr. 1 im Tor ist der niederländische "Jungspund" Mark Flekken (19). Er vertritt Stammkeeper Michael Melka (34), der seit Jahresanfang ausfällt (Knie) und dem der 2. Abstieg in Folge nach Oberhausen droht. In der Abwehr gelten nach den Abgängen der 3 Aktivposten Mario Erb (22), Sascha Herröder (24), Robert Wilschrey (23) und der Bosnier Sasa Strujic (21) als Gerüst. Viel Erfahrung ist nicht vorhanden. Es schmerzt der Ausfall von Thomas Stehle (32). Das Mittelfeld sieht Marcel Heller (26), Oguzhan Kefkir (21), Timo Brauer (22) und den Belgier Kristoffer Andersen (27) als Stammkräfte. Mit Robert Leipertz (20) war der erfolgreichste Torschütze in diesem Sektor (3 Tore) nur sporadisch in der Stammformation. Mit dem Ex-Magdeburger Florian Müller (26/Knorpelschaden) muss van Eck auch hier einen schon erfahrenen Akteur nach wie vor ersetzen. Im Angriff fällt wie schon erwähnt Sascha Rösler (35/Kreuzbandriss) aus, könnte aber in den nächsten 2 Wochen eingreifen. Torschützenbester im Sturm und gesamten Team ist derzeit der Bosnier Denis Pozder (23), mit 5 Treffern. Er gilt aber nicht als gesetzt, wurde 11x eingewechselt und traf zuletzt am 02.02.2013. Besser kommt da schon Timmy Thiele (21) zurecht. 3 Tore und bemerkenswerte 7 Vorlagen stehen zu Buche, dazu 19 Spiele von Anfang an. Das war es allerdings schon mit dem Angriff, der ohne Sascha Rösler eindeutig unterbesetzt ist. Mit 24,2 Jahren stellt man mittlerweile einen der jüngeren Kader dieser Staffel, der es schwer hat, sich in dieser 3. Liga zu behaupten.
Die Einkaufsbilanz
Mit den Neuen in der "Nachzeit" des Insolvenzantrages steht man bei mittlerweile 26 Neuverpflichtungen.
Im Tor war Michael Melka ab Mitte der Hinrunde gesetzt, fiel danach verletzt aus. Seinen Platz nimmt seitdem Mark Flekken ein (A-Jugend). In der Abwehr konnten sich Baumgärtel und Schwertfeger etablieren, sind aber auch schon wieder weg. Sascha Herröder (VfR Aalen) rutschte nach der Winterpause in die Stammformationen. Im Mittelfeld konnte sich Marcel Heller (Dynamo Dresden) dauerhaft für die Anfangself empfehlen, ebenso Timo Brauer (Rot-Weiß Essen) und Oguzhan Kefkir (Bochum). Im Angriff überrascht Timmy Thiele (21/Schalke 04 II), Sascha Rösler (Düsseldorf) fiel nach ordentlichem Start bei 7 Spielen mit 1 Tor und 1 Vorlage länger aus. Keine Verstärkung waren Freddy Borg im Angriff und im Mittelfeld Christian Weber (Düsseldorf). Beide sind ebenfalls nicht mehr dabei. Fazit: positive Überraschungen (Brauer, Thiele), Verstärkungen die aufgrund der Lage bessere Vereine fanden, Flops (Borg, Weber). Die Substanz der Mannschaft konnte nicht verstärkt werden.
Gewinner der Saison bislang
Mehrere junge Spieler konnten sich nach vorne spielen. Brauer, Thiele sind gute Beispiele. Beide waren aus der Regionalliga gekommen und sind nun Stammkräfte in Liga 3.
Prognose
Es fällt schwer an den Klassenerhalt zu glauben, der gleich an 2 Fronten zu schaffen ist. Zu viele Probleme auf und außerhalb des Rasens machen dem TSV zu schaffen. Vorentscheidend werden nach dem CFC die 3 folgenden Spiele sein. Nur wenn man dort mindestens 7 Zähler holt, ist Platz 17 machbar. Tendenz: eher nein. Nach Rückständen bricht man derzeit in der Regel weg, schafft keine Wende mehr. Es wird wohl Platz 18 oder 19.
Das Umfeld
...vermeldet in dieser Saison wenig Positives. Sportlich ist Aachen ein Abstiegskandidat mit dem möglichen Weg aus der 1. Liga 2007 bis in die 4. Liga 2013. Finanziell steht der TSV vor einem Scherbenhaufen und im knallharten Überlebenskampf. Grabenkämpfe zwischen den Fangruppierungen "Karlsbande" und "Ultras Aachen" in einer Zeit, wo der Verein eigentlich eine geschlossene Anhängerschaft benötigt wie nie, verschärfen die Lage.
Die Ursachen für die Talfahrt bis November 2012 hat 2 Faktoren: der zweite Abstieg nach 2007 und ein Stadion, was dem Verein "wie ein Klotz am Bein hängt" und wohl nur in der 1. Bundesliga zu unterhalten ist. 2004 konnte man sich durch den Einzug ins DFB-Pokalfinale und Teilnahme am UEFA-CUP sanieren, danach brachen die Bausteine der Finanzierung weg. 2009 wurde die traditionsreiche Spielstätte an der Krefelder Straße verlassen und in den "neuen Tivoli" umgezogen, der 32.000 Zuschauer statt 21.300 fasst. Nicht kalkulierte Kosten beim Bau brachten Alemannia damals schon in große Schwierigkeiten. Gerettet wurde man durch eine Stadtbürgschaft. Was man nicht verhindern konnte, war der sportliche Niedergang. Leistungsträger mussten abgegeben werden, mit dem Abstieg 2011/2012 in die 3. Liga nach 12 Jahren Zweitklassigkeit mit 1 Jahr 1. Liga war der Tiefpunkt erreicht. Bei der Lizenzierung für diese Saison machte man laut DFB unbewusst falsche Angaben, er sah das als "Schlamperei" an und verdonnerte die Aachener zu 2 Punkten Abzug - ein Rückschlag im Abstiegskampf. Bis zum 30.06.2013 hat man noch Zeit, die Eröffnung des Insolvenzverfahrens abzuwenden. Gelingt dies nicht, steht man als Absteiger fest. Dafür unternimmt man quasi alles, nach dem Vorbild des FC St. Pauli läuft eine "Retter-Aktion" mit Einnahmen aus Trikotverkäufen und Spenden. Im Januar 2013 gastierte der bekannt großzügige FC Bayern München zu einem Benefizspiel, Sport1 zeigte das Spiel live und animierte die Zuschauer zum Spenden. Spieler verzichteten auf teilweise 50% Gehalt, die Strukturen im Verein wurden angepasst. Die Lizenz für die Saison 2013/2014 in der 3. Liga bleibt ein "Wahnsinns-Projekt". Eine große Baustelle ist das Stadion, zu den aktuellen Bedingungen will man nicht mehr. Der TSV bietet 600.000 EUR Miete statt der geforderten 1,7 Mio. EUR. So konnte man am 01.03.2013 in den Lizenzunterlagen keine Spielstätte angeben. Das Stadion des SC Jülich 1910/97 wurde erwartungsgemäß abgelehnt, beim aktuellen Zustand und der Kapazität von 5.500 Zuschauern zu erwarten. Im Gespräch sind nun Kerkrade (Niederlande!) oder Uerdingen. Zumindest der Spielbetrieb bis zum Saisonende ist gesichert.